Was passiert gerade in Fukushima?

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Bild: CC von http://www.flickr.com/photos/hinkelstone/

Ein Bericht aus dem betroffenen Gebiet in Nord-Japan wurde von Dr. Shin Yoshida (Universität Heidelberg) heute in der Albert-Schweitzer Kirche in Tübingen gehalten. Zuletzt in diesem Mai war er dort gewesen und berichtete aus erster Hand. Eingeladen war er von der Kirche und der “Fukushima-Mahnwache” Tübingen, die seit Fukushima die sofortige Abschaltung aller Atomkraftwerke fordert (und zu deren Unterstützern auch der Stadtverband Tübingen der Grünen und die Alternative Liste (AL) gehören.

Er gehört zu den Unterstützern eines Heims für behinderte Kinder im 50km Radius, die zumeist von ihren Familien abgeschoben wurden, und beteiligt sich auch selbst an der Dekontaminierungsarbeit in Fukushima – Ishinomaki in Miyagi.

Seit der Katastrophe ist ein Jahr vergangen. Für viele Menschen ist diese Katastrophe schon Vergangenheit. Dennoch haben die direkt Betroffenen nach wie vor viele Schwierigkeiten und Probleme und leiden unter dem Verlust nahestehender Menschen. Die Katastrophe will kein Ende finden. Vor allem können wir immer noch nicht genau sagen, in wie weit Fukushima radioaktiv verseucht ist. Was passiert gerade in Fukushima? Herr Dr. Shin Yoshida, der als Vermittler zwischen dem Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland (EMS) und der United Church of Christ in Japan (UCCJ) arbeitet, war an Dekontaminierungsarbeiten in Fukushima beteiligt und im betroffenen Gebiet in Nord Japan ehrenamtlich tätig. Er berichtet von der dortigen aktuellen Situation.

Zum einen ist die Dekontaminierung eine Sysiphusarbeit, weil immer wieder wenn verseuchter Boden abgetragen wurde der Wind wieder neue Belastung heranträgt. Zum anderen weiss nachher keiner, wohin mit dem deutlich stärker strahlenden Abraum.

Gesunde Ernährung ist ein Problem: Wegen der radioaktiven Belastung lässt sich in der Region erzeugtes Obst und Gemüse nicht in Tokyo verkaufen. Im Umkehrschluss führt das dazu, dass das einzige was bleibt ist, dass es in der Region selbst verzehrt wird – im Supermarkt in Fukushima etwa gibt es praktisch nur noch Nahrung aus der Region, was zur weiteren Kontaminierung der BEvölkerung beiträgt.

Artikel 25 der japanischen Verfassung garantiert ein Mindestmaß an gesundem Leben und Kultur, was durch die Kontaminierung um Fukushima durchaus in Frage gestellt ist.

Spielsucht und Depressionen nehmen zu, die magere staatliche Unterstützung wird aus Verzweiflung eher in Spielhallen ausgegeben als angespart. Schlimmer aber: Die gesundheitliche Versorgung ist fast vollständig zusammengebrochen, weil Ärzte und medizinisches Personal die Region verlassen, weil sie es sich im Gegensatz zu den Bauern, den Alten oder den behinderten Kindern leisten können zu gehen.

Familien die den Absprung schaffen, laufen jedoch Gefahr, andernorts gemobbt und als “verseucht” ausgegrenzt zu werden – aus seiner eigenern Familie erzählte er, dass selbst als Nachfahren des US-amerikanischen Atombombenabwurfs von Nagasaki man kaum Partner findet, weil niemand sich mit jemand verseuchtem zusammentun möchte.

Abriss- und Aufräum-arbeiten werden von ausgebeuteten Niedriglohnarbeitern verrichtet, die aus wirtschaftlicher Not diese Aufgabe übernehmen weil ihnen nichts anderes bleibt.

Dr. Shin Yoshida ging auf die Subvention der Atomkonzerne ein, die schon immer eine Sonderstellung genossen und auch heute noch als zentral, bei uns nennt man das systemrelevant, unterstützt werden.

Ein weiteres Problem sind die Notunterkünfte, wohin die Evakuierten der Region gebracht wurden. Auf unterschiede der Mentalität, etwa zwischen den Bergbauern und den Küstenfischern, wird beim Zusammenpferchen der Menschen keine Rücksicht genommen. Völlig unterschiedliche Kulturen und Mentalitäten auf engem Raum tragen dabei jedoch zum Stress weiter bei. Eine Teestube, die Raum zum entspannteren Gespräch bietet (wie das Asylcafe in Tübingen das für die Flüchtlinge auch tut) ist eines der Hilfsprojekte, um die Situation etwas zu lindern.

Nach der Katastrophe ist der Umgang der Japaner damit ein anderer als hierzulande: Es wird zunächst ein manischer Aktionismus entwickelt, nach Erschöpfung der Kräfte, etwa zwei Jahre später, steigt die Selbstmordrate (vgl. auch Murakami “Nach dem Beben”) Schuldgefühle der Überlebenden kommen zur Trauer hinzu und vermehren die Depression.

Am Ende plädierte Dr. Oshida für einen kooperativen deutsch-japanischen Arbeitskreis, der einen Erfahrungsaustausch bietet, wie der Atomausstieg erfolgen und gelingen kann. Er wünschte sich Austauschprogramme in denen junge Leute nach Japan kommen um zu unterstützen. Anti-Atom-Aktivisten berichteten in der Diskussion von einer starken Anti-AKW-Bewegung im Aufbruch und äusserten die Hoffnung, dass Japan vielleicht noch früher den Ausstieg vollzogen haben könnte als Deutschland. Andere, darunter der Referent, waren skeptischer was die Interessen der Masse angeht: Ja, die Menschen haben Angst vor Atomkraftwerken, aber auch davor, dass der Strom ihrer Klimaanläge plätzlich weg sein könnte…

Herr Dr. Shin Yoshida, der Vortragende:
Geboren 1978 in Shizuoka/Japan, 2004 Master of Arts in Theology an der Rikkyo Universtität Tokyo, 2008 Master of Arts in Theological Research an der Universtität Heidelberg, 2010 Promotion (Dr. theol) ebenfalls an der Universtität Heidelberg. Seit 2007 Lehrbeauftragter am Institut für Japanologie der Universität Heidelberg sowie seit 2010 Research Fellow der Fritz Thyssen Stiftung am selben Institut.

Bericht: Irmtraud Wettach

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