Fi-na-le: Gönüllerin Sampiyonu

Zwei Fussballfans in TübingenDas türkische Sommermärchen, das so schön begonnen und zu unvernünftigen Hoffnungen bisweilen Anlass gegeben hatte, ist also vorrüber. Dafür ist die türkische Mannschaft von Fatih Terim “Gönüllerin Sampiyonu”, Sieger der Herzen, geworden und der deutsche Traum geht weiter – was keine Anspielung auf das Lahm-e und stellenweise schlafwandlerische Spiel der deutschen Mannschaft sein soll, bei dem man sich, so ein Komiker hinterher, fragte “ist das noch das Standbild oder schon wieder die deutsche Mannschaft?”

Hürriyet schlagzeilt: “Üzülmeyin. Biz kazandik” – “Seid nicht traurig: Wir haben gewonnen.” Und setzt hinzu: “Yari finalde Almanya’ya kaybettik ama dünyadan alkis aldik” – “Das Halbfinale gegen Deutschland haben wir verloren, aber den Beifall der Welt haben wir gewonnen.”

Ein herzliches “Tesekkürker cocuklar” – “Danke, Jungs” – von Radikal“.

Die Wirtschaftszeitung Referans: “Milli Takim’in direnci ve umudu Türkiye’nin marka olmasini saglar.” – “Der Einsatz und die Hoffnung des Nationalteams hat die Türkei zu einer Marke gemacht.” (Quelle)

Als Phänomen hat dieses Spiel grosse Teile der Bevölkerung erfasst. Ein deutschtürkischer Taxifahrer in Bonn erklärte mir, er wolle dass Deutschland gewinne. Meine Argumentation verstehe er, aber die Fans in der Türkei würden sie nicht verstehen – die verlören den Respekt vor Deutschland, wenn ihre C-Auswahl gegen unsere besten Spieler gewinnen würde. Andere Deutschtürken sahen die türkischen Fans ähnlich kritisch wie ich die deutschen: Zuviel Nationalismus sei nicht gut, befanden sie, auch nicht durch Fussball befördert.

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Ich war am Nachmittag zu einem Gespräch mit Professor Dr. Klaus-Michael Alenfelder, dem deutschen Vertreter des European Anti-Discrimination Council EAC, in Bonn um über mögliches gemeinsames Vorgehen gegen Diskriminierung und für AGG und die volle Umsetzung der EU-Richtlinien gegen Diskriminierung. Fälle gibt es mehr als genug: Wenn etwa bei Bewerbungen ein Mädchen nicht genommen wird weil ihr Name sich Yasmin statt Jasmin schreibt, wenn ein junger Mann, der als Deutschtürke sich von der Sonderschulempfehlung zum qualifizierten Realschulabschluss vorgearbeitet hat, bei der Aufnahmeprüfung für das Abendgymnasium als einer der fünf Testbesten abschneidet aber gesagt bekommt wegen Überfüllung sei für ihn leider kein Platz mehr – dann ist das Diskriminierung. Sie trifft Schwule und Lesben, sie trifft junge Mütter und ältere Männer, und eine junge deutschtürkische Mutter wie Sule Eisele-Gaffaroglu, deren Klage gegen den Arbeitgeber R+V Versicherung Alenfelder vertritt.

Auf der Heimreise im Intercity, im selben Ton in dem der nächste Bahnhof und eine bedauerliche Verspätung angesagt wurde, kam die Ansage: “Meine Damen und Herren, die Türkei hat soeben das 1:0 geschossen.” Kurz darauf dann: “Soeben kam der 1:1 Ausgleich durch Bastian Schweinsteiger.” Im ICE ab Mannheim gab es Public Viewing: eine deutschtürkische Reisegruppe, zum Sommerferienbeginn in Nordrhein-Westfalen unterwegs in den Süden, hatte einen grossen Laptop mit Internetempfang – und der ganze Grossraumwagen verfolgte darauf das Spiel. Ein kleinerer Laptop, eine kleinere Gruppe Zuschauer, im Zug von Stuttgart nach Tübingen, mit dem 2:1 / 2:2 bis zum 3:2 Abschluss bei Wendlingen. Ab da auf jedem Bahnhof “Fi-na-le” mit Hupkonzert, auch in Tübingen, wo das obige Bild entstand. Gemeinsam und friedlich wurde da gefeiert, überschwnglich aber unproblematisch – nicht wie in Dresden wo 30 deutschnationale Fans nacheinander drei Dönerbuden überfielen, demolierten und es zu Verletzten kam. Wie ist es mit Fussball und Gewalt?

Fußball für EntwicklungFussball wird auch für Gewaltprävention eingesetzt, für Völkerverständigung, Globales Lernen und das Training in FairPlay. KickFair ist einer der Namen die dafür stehen, Integration durch Sport und Streetfootballworld zwei andere. Wer sich dafür interessiert, dem empfehle ich den Aufsatz von Uli Jäger vom Institut für Friedenspädagogik Tübingen (IFT), auch Autor des nebenstehend abgebildten Buches “Fussball für Entwicklung“:

Die beiden Jungs im Bild oben, Schüler aus Reutlingen, haben Wem die Stunde schlägt: Die Entracht Braunschweig Wanduhrfreundlicherweise der Veröffentlichung ihres Bildes in diesem Blog zugestimmt. Mich fragten sie, ob ich auch Fussballfan sei. Meine Antwort war so wie meist bei dieser Frage: “Seit meine Heimat-Mannschaft nicht mehr in der Bundesliga spielt fehlt es mir an Begeisterung.” Welche Mannschaft denn? “Eintracht“. Die klassiche Reaktion: Frankfurt? “Nein, Braunschweig“. Ich ernte mitleidige Blicke, dann Verständnis – ihre SSV Reutlingen habe es leider diesmal nicht in die dritte geschafft, aber das komme wieder. Dann aufmunternde Hinweise: Die schon lange in die dritte Liga abgerutschte Braunschweiger Eintracht sei durch die dritte Bundesliga jetzt auch hier in der Gegend zu sehen, wenn sie gegen die Stuttgarter Kickers oder VfB 2 spielen, ich hätte also auch hier Chancen, ihre Spiele zu sehen. Na dann: Mal sehen.

Ein Kommentar zu “Fi-na-le: Gönüllerin Sampiyonu”

  1. Die Europameisterschaft ist vorbei… - Grüne Kraft für Europa - Wolfgang G. Wettach - http://gruene.wettach.org schreibt:

    [...] Fi-na-le: Gönüllerin Sampiyonu [...]

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