Der deutsche Präsident Gauck und Europa

Die Gauck-Rede mit Wordle.net

Die Gauck-Rede mit Wordle.net

Nach seiner Wahl hat der neue Bundespräsident Joachim Gauck seine Antrittsrede gehalten, die sich hier oben mit Wordle.net visualisiert findet. Ich habe im Vorfeld geschrieben und bei einigen Gelegenheiten gesagt, dass ich mich weniger daran störe dass Gauck ein Konservativer ist als daran dass er nationalkonservativ ist, zuviel Nationalstolz, zuviel “Vaterland” für meinen Geschmack, mit zuviel Abgrenzung etwa gegenüber Deutschtürken, deren Vaterland dieses sein Land ja schliesslich nicht sei.

Gauck als Europäer

Gauck als Europäer

Nun ist er deutscher Bundespräsident und ob er ein allzu deutscher Bundespräsident – oder doch noch ein guter Europäer – wird bleibt zu sehen. Seine erste Rede ist sehr positiv, fast euphorisch aufgenommen worden. Auch der Dachverband meiner Europa-Union Deutschland EUD, die Union Europäischer Föderalisten UEF, nimmt die Rede als “Federalist Outing”, als Bekenntnis zum geeinten Europa:

“European unity is however impossible without the vital breath of solidarity. Particularly in the crisis, we must dare to have more Europe.” (Source: http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2012/03/120323-Vereidigung-des-Bundespraesidenten.html, 23.03.2012)

Was genau also hat er gesagt? Auf das Wort “Vaterland” hat er verzichtet, das Wort “Islam” kommt immerhin einmal vor, ein Zugeständnis an seinen Amtsvorgänger, wenn auch abgrenzend zum für ihn selbstverständlichen deutsch-christlichen Bild: “Wir leben inzwischen in einem Staat, in dem neben die ganz selbstverständliche deutschsprachige und christliche Tradition Religionen wie der Islam getreten sind, auch andere Sprachen, andere Traditionen und Kulturen,” Und Europa? Eine seiner Eingangsfragen lautet:

“Hat die europäische Idee Bestand?”

Das entschlossene Ja der Westdeutschen zu Europa” nennt er “ein weiteres kostbares Gut der deutschen Nachkriegsgeschichte“, auch wenn es für ihn vor allem in der Erinnerung an Adenauer seinen Platz hat. Die heutige Wertegemeinschaft findet sich “zunehmend das Streben der Unterschiedlichen nach dem Gemeinsamen: diesem unseren Staat in Europa. Und wir finden dieses Gemeinsame in diesem unseren Staat in Europa, in dem wir in Freiheit, Frieden und in Solidarität miteinander leben wollen.” Ausführlich beschreibt er dann sozusagen den Gründungsgedanken der Europäischen Union, die Einheit in Vielfalt:

Der Philosoph Hans-Georg Gadamer war der Ansicht, nach den Erschütterungen der Geschichte erwarte speziell uns in Europa eine „wahre Schule“ des Miteinanders auf engstem Raum. „Mit dem Anderen leben, als der Andere des Anderen leben.“ Darin sah er die ethische und politische Aufgabe Europas. Dieses Ja zu Europa gilt es nun ebenfalls zu bewahren. Gerade in Krisenzeiten ist die Neigung, sich auf die Ebene des Nationalstaats zu flüchten, besonders ausgeprägt. Das europäische Miteinander ist aber ohne den Lebensatem der Solidarität nicht gestaltbar.

Gerade in der Krise heißt es deshalb: Wir wollen mehr Europa wagen.

Mit Freude sehe ich auch, dass die Mehrheit der Deutschen diesem europäischen Gedanken wieder und weiter Zukunft gibt.”

Gaucks Europabild ist rückwärtsgewandt, die Tradition und das Erbe seiner Väter, aber in dieser Rede erkennt er an, dass das nicht zukunftsgewandt ist und dass die Generation von morgen, angesichts seines Alters schon die seiner Enkel (Enkelinnen und Grossmütter scheint er nicht zu haben) das bereits anders sieht und in einem anderen Europa leben wird als dem, das sein Blick zurück eben noch idealisiert hatte:

“Europa war für meine Generation Verheißung – aufbauend auf abendländischen Traditionen, dem antiken Erbe einer gemeinsamen Rechtsordnung, dem christlichen und jüdischen Erbe. Für meine Enkel ist Europa längst aktuelle Lebenswirklichkeit mit grenzüberschreitender Freiheit und den Chancen und Sorgen einer offenen Gesellschaft. Nicht nur für meine Enkel ist diese Lebenswirklichkeit ein wunderbarer Gewinn.”

Er plädiert für bürgerschaftliches Engagegement, davor noch für die repräsentative Demokratie und bittet am Schluss noch um Vertrauen. Ich muss zugeben: Mein Vertrauen in die Generation seiner EnkelInnen ist höher als mein Vertrauen in die Generation meiner Großväter. Aber wenn das, was in dieser Rede anklingt, eine Anerkennung einer anderen Lebenswirklichkeit im Europa von heute und zumal von morgen, die auch andere Antworten finden und geben muss, einen zunehmend grossen Raum in seinem Denken und in seinen Reden gewinnt – dann kann vielleicht auch Bundespräsident Gauck “ein wunderbarer Gewinn” für dieses Land werden.

Sein erster Staatsbesuch in Polen hat zumindest der deutsch-polnischen Freundschaft, einer notwendigen Konstante im heutigen Europa, gut getan.

Kommentar schreiben

XHTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>