World Environment Day 2008: Tübingens Blaue Stadt – Grüne Universität. Und die Kohle? (Update)

Bild: Christoph Streckhardt, Verwendet mit GenehmigungHeute ist UN-Weltumwelttag . Um die deutsche WikiPedia zu zitieren (der Link eben geht auf die weit ausführlichere englische):

Der Weltumwelttag oder auch Tag der Umwelt ist ein von der UNEP angeregter Gedenktag, der am 5. Juni gefeiert wird.

Am 5. Juni 1972, dem Eröffnungstag des ersten Weltumweltgipfels in Stockholm, wurde der Weltumwelttag offiziell vom United Nations Environment Programme (Umweltprogramm der Vereinten Nationen) ausgerufen. Seitdem beteiligen sich weltweit jährlich rund 150 Staaten an diesem World Environment Day.

Aus Anlass des Weltumwelttages findet jährlich am ersten Juni-Sonntag die Fahrradsternfahrt des ADFC Berlin e.V. statt.

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Was hat das mit Boris Palmer zu tun? Viel, wie nach dem Cut zu lesen ist.

Am Dienstag und Mittwoch dieser Woche fand, passenderweise in der Woche des UN- Weltumwelttags und der Agora-Aktionswoche zu den UN- Milleniumszielen, das Symposium “Greening the University – Perspektive für eine nachhaltige Hochschule” statt. Slogan: Tübingen macht blau – wir machen Grün. Konkret geht es darum, dass neben der Stadt auch die Universität zum Vorreiter werden und als erste Universität im Land das Umweltmanagementsystem EMAS einführen soll. Die zur Eröffnungsveranstaltung anwesende Baden-Württembergische Umweltministerin Tanja Gönner, selbst Tübingen-Alumna, wurde gleich mit Hinweis auf die Farbenlehre beruhigt: Im substraktiven Farbmodell würden Grün und Blau Schwarz ergeben, wogegen sie als CDU-Politikerin ja nicht wirklich etwas haben könne. Logo Greening the UniversityDer Grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, nutzte die Gelegenheit in seinem Grusswort sein Anliegen voran zu bringen: Er möchte das veraltete Öl-basierte Fernwärmekraftwerk der Universität Tübingen auf Kosten der Stadt(werke) durch eine moderne effektivere Gasturbine ersetzen und damit neben Fernwärme für die Uni auch umweltfreundlichen Strom für 10% der Stadt erzeugen, in der Kombination hocheffizient. Rektor Bernd Engler konnte an der Stelle kaum noch Nein sagen – nicht zu EMAS und nicht zur Kraftwerksmodernisierung – und die Landesumweltministerin Tanja Gönner sagte zu, sich bei ihren zuständigen Kabinettskollegen dafür einzusetzen. Das begeisterte auch den Hauptredner des Tages, den ehemaligen Bundesumweltminister Klaus Töpfer, ehemals Unter-Generalsekretär der Vereinten Nationen (VN), Generaldirektor des Büros der Vereinten Nationen in Nairobi und Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) – und noch immer Stellvertretender Vorsitzender im Rat für Nachhaltige Entwicklung. Töpfer begrüsste Palmers Vorstoss und bot an, wenn es wie jetzt geplant zum Umbau des Kraftwerks komme und dazu ein weiteres Symposium wie dieses gäbe, würde er persönlich “zum Spatenstich die ersten 50 Flaschen Wein stiften” (oder Bier). Da wollte ich mich nicht lumpen lassen. “Da es stets gilt, Dinge auch vom Ende her zu bedenken und gute Pläne auch zum Ende zu führen,” sagte ich in meiner Stellungnahme, “will auch ich dieses Vorhaben unterstützen und zur Inbetriebnahme meinerseits, wenn Sie Herr Töpfer dazu nochmal kommen würden, meinerseits 50 Flaschen Wein spenden.” Professor Töpfer sagte sein Kommen zu, meinte aber da die Inbetriebnahme lange nach dem Spatenstich sei, ich also mehr Zeit zur Planung habe, erwarte er von mir 100 Flaschen Wein. Ob das nicht zuviel ist? Universitätsrektor Engler kam hinterher auf mich zu – er kennt mich ja noch als wir am selben Institut der Universität in durchaus unterschiedlichen Lehrstühlen und Rangstufen gearbeitet haben – und meinte er habe ja ein schlechtes gewissen dass soviel Spenderwein angefordert wurde. Seiner Erfahrung nach würden 50 Flaschen für einen solchen Empfang durchaus ausreichen – auch wenn ich, bis dahin Europaabgeordneter, das natürlich sicher zahlen könne.

Es folgte ein sehr gutes Symposium, geprägt von Vernetzung vieler Initiativen vor Ort und bundesweit, an anderen Hochschulen und Universitäten von Nürtingen-Geislingen bis Lüneburg und in der Politik und der Zivilgesellschaft, der Erfahrungsaustausch zur Best Practice mit Menschen die an ihrem Ort bereits Umweltmanagement implementiert haben und das berühmte Top-Runner-Prinzip verkörpern.

Bild:Aufkleber: Kohlekraftgegner.deDie Kohlediskussion: Oberbürgermeister Boris Palmer aber ist dieser Tage in der Kritik weil er sich hinter die Entscheidung der Stadt stellt, sich mit den Stadtwerken über Südstrom an einem neuen Kohlekraftwerk in Brunsbüttel zu beteiligen. In der ZEIT rechtfertigte er die Kohle als Übergangstechnologie – bessere neue Kohlekraftwerke würden schlechtere alte ersetzen bis der Rahmen für eine bessere Lösung gesetzt sei (zur Diskussion übersichtlich: TillWe).
Wer tut etwas dagegen? Die Grünen! Laut der Antikohlekraftbewegung “Bürger für Klimaschutz” ist es der Kreisverband der Grünen in Steinburg, der sich vor Ort dagegen einsetzt. “Die Energieversorgung der Zukunft kann nicht mit Kraftwerken der Vergangenheit abgesichert werden“, erklären die Grünen Steinburg schon lange. Und die Landesgrünen in Baden Württemberg? Fordern eine “Energiewende statt schmutzigem Strom aus Kohle und Atom.”

Völlig falsch ist das Setzen auf “schmutzigen Strom aus Kohle und Atom“, erklärte die Grünen-Landesvorsitzende Petra Selg. Diese verhängnisvolle Doppelstrategie schade nicht nur dem Klima, sondern zementiere auch die steinzeitlichen Strukturen der Energiewirtschaft. „Der Ausbau erneuerbarer Energien und dezentraler und effizienterer Formen der Energieerzeugung wird so ausgebremst“, sagte Sylvia Kotting-Uhl, umweltpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag.

Kotting-Uhl erteilte dem geplanten Bau des Kohlekraftwerks im Karlsruher Rheinhafen eine klare Absage: „Angesichts des Klimawandels ist es ein Unding, dass die Landesregierung weiterhin auf fossile Energien mit niedrigem Wirkungsgrad und hohen CO2-Emissionen zurückgreift. Es fehlt der Mut zu politisch innovativen Entscheidungen, die sich beim Ausbau der erneuerbaren Energien auch ökonomisch positiv auswirken würden. (Quelle)

Und der Tübinger Kreisverband? Lehnt neue Kohlekraftwerke ebenso ab wie deren Rechtfertigung durch OB Palmer. Gemeinsam mit dem Tübinger Grünen Bundestagsabgeordneten Winne Hermann gab der Kreisvorstand eine entsprechende Presseerklärung heraus, unter dem Text: “Kreisvorstand von Bündnis 90/DIE GRÜNEN, Landesvorstandsmitglied Christian Kühn und Winfried Hermann, MdB gegen Tübinger Einstieg in das Kohlegeschäft” Ähnlich wie die beiden äussert sich auch Agnieska Malczak, Landesvorsitzende der Grünen Jugend Baden-Württemberg.

Und die Leser dieses Blogs und ‘wir Klimaretter’? Können auch etwas gegen den Klimakiller Kohle tun, wie “Wir Klimaretter” finden:

Und ich? Wurde auch um eine Stellungnahme gebeten, von einem Leser dieses Vorwahlkampagnen-Blogs. Hier meine Antwort:

Sehr geehrter Herr (…),

eine kurze Stellungnahme will ich Ihnen nicht verwehren – eine ausführliche bräuchte mehr Zeit als ich gerade habe. Die Äusserungen in der ZEIT habe ich, als regelmässiger Leser, dort wie auch in manchen Blogs gefunden und mich darüber zumindest verwundert und nach einer ersten Enttäuschung, die wohl auch Ihnen nicht erspart blieb, auch geärgert. Es bleibt dabei zu sagen: Boris Palmer hat an drei Stellen Recht:


1) mit seinem ernst gemeinten und in Tübingen ernst gemachten Einsatz für konsequenten Klimaschutz,


2) mit seiner Aussage, dass es für die Kommunen wichtig ist, dass ihre Stadtwerke nicht nur Stromverteiler sondern auch Stromerzeuger sein sollten um die Unabhängigkeit der Kommunen von den wenigen grossen Anbietern zu bewahren. In diesem Sinne begrüsse ich ausdrücklich seine Absicht, das Ölbetriebene Fernwärmewerk der Universität Tübingen zu übernehmen und dort, finanziert von der Stadt, mit einer modernen Gasturbine CO2-freundlich weiter Fernwärme für die Universität, aber auch Strom für 10% der Stadt zu erzeugen. Immerhin 50 Flaschen Wein will der ehemalige Bundesumweltminister Töpfer stiften(…)

3) mit seiner Aussage schliesslich, dass er nicht als Vorsitzender der Grünen handeln muss, sondern als von den Bürgern Tübingens gewählter OB, unabhängig weitgehend auch von den Meinungen in seiner Partei. Denn der Kreisvorstand der Grünen in Tübingen hat gerade in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Tübinger Grünen Bundestagsabgeordneten Winne Hermann erklärt dass sie jedes neue Kohlekraftwerk aus guten Gründen ablehnen – und Boris Palmer aufgefordert, diese Entscheidung zu revidieren (was bei einmal getroffenen Entscheidungen und vertraglichen Verpflichtungen weder einfach noch billig aber manchmal sinnvoll ist – siehe Moorburg)

Alleine wegen der Umweltpolitik von Boris Palmer bei den Grünen zu sein – oder als Mensch mit Migrationshintergrund alleine wegen der Politik von Cem Özdemir – halte ich für zu kurz gegriffen. Gerade die Grünen sind eine Partei mit vielen Köpfen und bisweilen unterschiedlichen Richtungen, die dennoch insgesamt -und jeder in vielen Punkten- in die richtige und meist auch gemeinsame Richtung gehen. Abweichende Meinungen aber sind zugelassen und sollten es auch sein, wie in diesem Punkt. Ich verweise also auf das “Schwäbische Tagblatt” vom heutigen Tage, wo die Tübinger Grünen sich genau so verhalten und äussern wie Sie das erwarten.

Mit freundlichem Gruss aus Tübingen-Bebenhausen,

Wolfgang G. Wettach – gruene@wettach.org
Grüner Europakandidat: http://gruene.wettach.org

4 Kommentare zu “World Environment Day 2008: Tübingens Blaue Stadt – Grüne Universität. Und die Kohle? (Update)”

  1. Europatag - Grüne Kraft für Europa - Wolfgang G. Wettach - http://gruene.wettach.org schreibt:

    [...] World Environment Day 2008: Tübingens Blaue Stadt – Grüne Universität. Und die Kohle? (Update) [...]

  2. Brunsbüttel reloaded - “Energiepolitischer Amoklauf” - Grüne Kraft für Europa - Wolfgang G. Wettach - http://gruene.wettach.org schreibt:

    [...] World Environment Day 2008: Tübingens Blaue Stadt – Grüne Universität. Und die Kohle? (Update) [...]

  3. Klimaziele werden festgezurrt: Dossier des Europaparlaments - Grüne Kraft für Europa - Wolfgang G. Wettach - http://gruene.wettach.org schreibt:

    [...] grossen Anstrengungen der Eberhard-Karls Universität Dank einer studentischen Initiative, “Greening the University“. Der Makel, wie bekannt sein dürfte, ist die Beteiligung der Stadtwerke an einem neuen [...]

  4. „Greening the Economy“ - Ökologische Marktwirtschaft in Europa und in den USA - Grüne Kraft für Europa - Wolfgang G. Wettach - http://gruene.wettach.org schreibt:

    [...] “Greening the University” war ja dieses Jahr schon, und recht erfolgreich. Das vom kleinen auf das makroökonomische zu übetragen heisst jetzt also “Greening the Economy”. Auf der gleichnamigen Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung bin ich am morgigen Mittwoch und Donnerstag, um mit Fritz Kuhn (MdB), Matthias Machnig und anderen darüber zu diskutieren, was sich getan hat seit die “Grüne Marktwirtschaft Ende 2006/Anfang 2007 erstmals zum “Böll Thema” wurde. [...]

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