Sommer-Leseliste: Obama, Du und Ich (und der Kindle)

Es ist eine gute Tradition, dass die “Sommer-Leseliste”, die Liste der Bücher die ein US-amerikanischer Präsident mit in den Sommerurlaub nimmt, veröffentlicht wird oder durchsickert – und dann den kundigen AnalystInnen oder den einfachen Menschen auf der Strasse zeigt, womit sich der Präsident derzeit beschäftigt.

Die diesjährige Summer Reading List of Barack Obama hat in den USA ebenso heftige Reaktionen ausgelöst wie die Grummel- und Mahn-Reden der Alt-CDU’ler Erwin Teufel, Christian Wulff und Helmut Kohl hierzulande. Besonders erzkonservative Stimmen wie die National Review finden hier einen Anlass, Obama vorzuwerfen, dies sei ein weiterer Beweis dafür, dass Obama das falsche denkt, das falsche liest und den Kontakt zum Volk verloren habe. Viele Kommentatoren heben darauf ab dass die Mehrzahl der Bücher Romane sind, selbst wenn das ein oder andere vielleicht für seine Töchter statt für den Präsidenten gekauft wurde, und kommentieren dass er vielleicht nach den harten Kämpfen gegen die Krise und die Republikaner etwas Entspannung sucht. J.R.R. Tolkiens Antwort auf den Vorwurf, Phantastik sei Flucht-Literatur, dass ja nur die Gefängniswärter etwas gegen die Flucht haben könnten, kommt da spontan in den Sinn. Adenauer, das weiss man, hat Krimis gelesen, Clinton hat Mystery-Bücher auch gelesen, aber eher versteckt. Auf die präsidiale Leseliste kamen bisher eher aktuelle Sachbücher des Jahres und Biographien großer amerikanischer Persönlichkeiten, die als Vorbild des aktuellen Präsidenten gelten konnten.

Dass Obama einen großartigen Roman von David Grossmann über Israels Kriege und die Nöte der Eltern beteiligter Soldaten liest, “To the End of the Land“, wird ihm auch vorgeworfen – zu liberal, und nicht geeignet die Zweifel derjenigen bei AIPAC zu zerstreuen, die Obamas Nahost-Politik ohnehin kritisch sehen, weil Grossman ein bekannter Kritiker von Israels Politik gegenüber den Palästinensern sei. Obama lese also das falsche.

Und ich? Das Bild oben, das viele Bücher auf toten Bäumen und einen Ebookreader enthält, ist ein Symbolbild, auch wenn es meinen Lesestoff enthält.

Denn zum einen bin ich bei meinem kurzen Sommerurlaub in der Rüstungsexportregion Bodensee (Rüstungsexporte aus Baden-Württemberg -hier die grüne MdB Agnieszka Malczak dazu in Immenstaad- sind einer der neuen Schwerpunkte meiner Arbeitsgruppe in der Landesarbeitsgemeinschaft Internationale Politik der Grünen -LAG Internationales- BaWü) gar nicht so viel zum Lesen gekommen. Gespräche mit der Familie und Kanadischen FreundInnen, mit Ausflügen entlang der Europäischen Holzenergiestrasse und auf die mit dem europäischen Umweltzertifikat EMAS ausgezeichnete Insel Mainau, mit Gesprächen zu Schengen mit Österreichischen und Schweizer GrenzbeamtInnen jenseits der jeweiligen Grenzen, liessen nur begrenzte Lesezeit zu.

Zum anderen ist die Mehrzahl dessen, was ich diesen Sommer gelesen habe nicht in den Papierbüchern sondern im Ebookreader zu finden. In meinem Fall der Kindle 3G von amazon, den ich auch schon BAG Nord-Süd Delegierten aus Hessen erfolgreich empfohlen habe, bei anderen in meiner Begleitung einmal ein Kobo, zweimal ein Palm Tungsten.

Ebooks sind “grüner” als das gedruckte Wort, selbst wenn man die regelmässige Stromaufladung aus einem Standard-Strommix statt aus Ökostrom erledigt und die Produktion und Lebenserwartung des Geräts mit einbezieht. Gebrauchte Bücher sind zwar oft billiger, aber der Kindle ist leichter, braucht kein Papier und die Transporte der Ware brauchen kein Benzin oder Diesel mehr – und wie jemand in den Kommentaren bei Treehugger.com richtig bemerkte: Mit dem Platz für Tausende Bücher als EBook gibt es auch die Möglichkeit, in kleineren Häusern und Wohnungen zu wohnen, wo man weniger zu heizen hat.  Natürlich verändert sich die Ökobilanz des Lesens auf toten Bäumen wenn man viel in die Bücherei geht oder BookCrossing nutzt, wobei alte Bücher neue LeserInnen finden. Aber sobald da motorisierte Fahrten der Lesenden zur Bücherei oder der Bücher im Postwagen ins Spiel kommen gewinnt das eBook wieder klar.

Dazu kommt: Nicht nur können alte Buchdeckel mit 100% Recycling zu Hüllen für die EBookreader werden, sondern Amazon hat für seinen Kindle ein eigenes, ökologisch vorbildliches Rücknahme-und-Recycling Programm gestartet, so dass auch das Argument des Elektroschrotts, wenn das Gerät kaputt gehen sollte, nicht mehr gegen den Kindle steht. Soviel zum Gerät, von dem ich offensichtlich begeistert bin, nicht nur wegen des kostenlosen weltweiten Internetzugangs der mit dem einmaligen Kauf für immer verbunden ist.

Und mein Lesestoff? Natürlich lese auch ich “das falsche”, Sachbücher auch von den falschen Leuten (je nach Sichtweise im Bild oben Winfried Hermann oder Fritz Kuhn, Oswald Metzger oder, links stehend, Petra Kelly) und eben auch Romane. Im Stapel ist das der Zeitreiseroman “Saphirblau” statt des besser zum Buchstapel passenden “Smaragdgrün” – ersteres ist ein von Freunden geliehenes Papierbuch, letzteres ist als Ebook auf dem Kindle, der rechts steht. Ausserdem gelesen habe ich einige Papiere zur Donaustrategie (auch auf dem Kindle) und “Resonance“, ein Roman von Chris Dolley, der nach Lektüre meiner Kurzrezension jetzt zu meinen Freunden bei GoodReads gehört. George R. R. Martin’s 4-Book Boxed Set: A Song of Ice and Fire 1-4 war ebenso dabei wie die aktuelle ZEIT und eine neuere Ausgabe der Tageszeitung taz. Womit wir wieder bei der Politik wären. Merke: Auch wer Phantastik liest (ob SciFi, Mystery oder Fantasy) kann im Kontakt mit der Wirklichkeit bleiben, auch wenn frau sich das bei RTL Explosiv! vermutlich noch immer nicht vorstellen kann.

Und was liest du so?

Ein Kommentar zu “Sommer-Leseliste: Obama, Du und Ich (und der Kindle)”

  1. Simon schreibt:

    Wie heisst das Plugin rechts ? Das will ich auch!

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