Mediapart und die Internet-Zeitung der Zukunft. Kurzkritik

Im tazblog wies Philipp Dudek auf einen Gastkommantar von Edwy Plenel, ehemals leitender Redakteur von LeMonde, in der Financial Times Deutschland (FTD) hin. Plenel äussert die Überzeugung, dass die Bedrohung des Qualitätsjournalismus durch die Mechanismen der Gratiskultur des Internets auch eine Bedrohung der demokratischen Meinungsvielfalt darstellt. Für Journalisten stellt sich das in seinen Worten so dar:

Salon du livre  CC: FlickR

Sie fürchten, von Amateuren überflüssig gemacht zu werden, und müssen mitansehen, wie die Früchte ihrer Arbeit entwertet werden, indem sie gesponsert und verschenkt werden. Die so entstandene offene Flanke wird überdies von politischen und wirtschaftlichen Kräften ausgenutzt, um die Unabhängigkeit eines Berufsstands einzuschränken, der ihnen immer schon wie eine Bedrohung vorkam. Mit der Onlinezeitung Mediapart, die wir jüngst in Frankreich gestartet haben, geben wir eine Antwort auf diese Herausforderungen und erproben ein völlig neues Modell.

Mediapart steht dabei für Partizipatives Medium, denn auch hier soll (und muss) ein guter Teil des inhaltlichen Mehrwerts durch die Lesenden generiert werden, die kommentierend ergänzen was die Journalisten – Shareholder und Stakeholder zugleich – schreiben. Von Anfang an ist dabei, weil man kalkulatorisch auf die zahlenden ‘Clubmitglieder’ aufbaut, der Druck stets genügend AbonnentInnen zu haben vorprogrammiert, den langjährige LeserInnen der Tageszeitung taz ja auch als wiederkehrendes Drama nötiger Rettung kennen. Anfang 2009 sollen es bereits 25.000 AbonnentInnen sein, derzeit jedoch sind es erst 7000.

Natürlich steht ein harter Kampf bevor. Er erfordert die feste Überzeugung, dass eine Zeitung keine Ware ist wie jede andere, weil sie einen zusätzlichen, nicht vermarktbaren Wert besitzt: die Verbreitung des grundlegend demokratischen Gutes der Information. (ebenda)

Spannende Zeiten stehen den 29 Mitarbeitenden von Mediapart (26 davon JournalistInnen) da bevor, und Dudek fand das Projekt spannend genug um Französischkenner um eine Kurzrezension und Inhaltsangabe zu bitten, da er selbst kein Französisch beherrscht.

Als früher (ab Anfang) regelmässiger und heute gelegentlicher taz-Leser, als bei WikiNews, der Nachrichtenagentur der WikiMedia, akkreditierter Journalist und als politischer Blogger auf Deutsch und auf Englisch war ich neugierig genug und habe mal nachgeschaut. (An meinem neusprachlich-naturwissenschaftlichen Gymnasium hatte ich Französisch zwar nur kurz, weil ich mich mehr mit Latein befasst habe, aber mein Latein war gut genug (und ich war oft genug in Paris) so dass ich heute Französisch verstehe und gut genug spreche um mich bei europaweiten attac-Basistreffen wie zum 1.Mai in Berlin selbst ins Französische zu übersetzen.

mediapart

Also werde ich der Bitte nachkommen und verraten was dort zu lesen ist: Die Bemühung, Qualitätsjournalismus zu machen wird deutlich, auch wenn bisher das Personal und dessen Zeit nicht ausreichen um mehr als ein paar Ausschnitte des

Tagesgeschehens oder der persönlich für wichtig befundenen Hintergründe (die nicht tagesaktuell sein müssen) zu beleuchten. (Das geht WikiNews natürlich kaum anders, wo nur die englische Ausgabe einen ausreichend breiten Personalpool hat um täglich genügend relevante Meldungen zu produzieren.)

wikinews_pope_dies

Wie bei WikiNews scheinen Informationen auch aus der WikiPedia recherchiert zu sein, anders als bei uns wird hier natürlich(?) nicht dahin verlinkt. Überhaupt scheint MediaPart ein Linkbiotop zu sein das einerseits fürchtet, die Leser nach aussen zu leiten und dabei zu verlieren, andererseits aber nicht genügend freien Inhalt bietet (oft nur abstracts) um eine relevante Anzahl an eingehenden Links zu generieren.

Wirtschaftlich halte ich dieses Modell einer kommerziellen Internet-Zeitung, auch wenn für ‘Club-Mitglieder’ manches geboten wird und einzelne Beitragende auch direkt auf Leserreaktionen eingehen, daher für lobenswert – aber vermutlich nicht dauerhaft tragfähig.

Und was sagen die anderen?
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Die Medienlese berichtet nur ohne zu bewerten. Das Media-Blog vergleicht Mediapart mit dem im Handelsblatt vorgestellten ebenfalls französischen Projekt rue89.com, das wie die Präsidentschaft von Nicolas Sarkozy bereits ein Jahr alt ist und mit fünfzehn JournalistInnen auskommen muss – und kommt zum Fazit dass beide Modelle Probleme haben werden:

Wer will für Mediapart oder Rue89 bezahlen, wenn er sowieso alles gratis kriegt? Die Frage muss als erstes beantwortet werden, bevor ich den zwei Projekten überhaupt eine Chance gebe. So viel Gutmenschentum damit auch verbunden ist, aber ich denke eher an die gute alte (kostenlose) Huffington Post, wenn ich an die Zukunft der Zeitung denke.

Für den US-Markt sehe ich das ganz ähnlich und lese dort ja auch. Für Europa mag es andere Lösungen geben – und ich würde mich freuen wenn das ganz demokratisch partizipatorische WikiNews ein Teil davon wäre. Mitarbeit erwünscht.

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