Oslo, Anders Behring Breivik und das Versagen der Medien

von Christian Sickendieck

Wenn sich nach dem gestrigen Tag schon ein Fazit ziehen lässt, dann folgendes: Die Medien haben epochal versagt. Als am Nachmittag die ersten schrecklichen Meldungen aus Oslo veröffentlicht wurden, dauerte es nur wenige Minuten, bis Islamisten, sogar dem gesamten Islam, die Verantwortung zugeschoben wurde.

Jedes Medium, ob TV, Online oder Print, hatte sofort einen sogenannten Experten zur Hand — selbstverständlich trug der Bombenanschlag die Handschrift von Islamisten. Aus diesen Vermutungen wurde nicht nur in den deutschen Medien, an vorderster Front trat die altehrwürdige New York Times in Erscheinung, schnell Gewissheit.

Ehrlich gesagt stehe ich ziemlich sprach– und fassungslos vor dem gestrigen Tag. Angesicht der schrecklichen Ereignisse, als auch den Medien gegenüber. Selbst als klar war, dass der Attentäter offensichtlich aus Norwegen kam, bis zur Stunde gilt er noch als Einzeltäter, schwadronierten die Medien noch über islamistischen Terror in Norwegen.

Den Vogel schossen dabei die Berichte von Bertelsmann auf RTL, Vox und n-tv ab. In den Berichten wurde kurz die bekannte Anzahl von Todesopfern erwähnt, um dann die Bilder aus dem norwegischen Regierungsviertel zu zeigen. Um dann den Spin zu drehen, so sehe es nach einem islamistischen Anschlag aus. Mir ist nicht bekannt, ob Bombenanschläge unterschiedlich aussehen können, vielleicht werden bei anderen Anschlägen Gebäude zusätzlich rosa angemalt, aber hier war die Intention eindeutig:

Bombenanschlag = Islamistischer Terror.

Im Bericht folgten wurden die Anschläge in Madrid und London verarbeitet, um dann darauf hinzuweisen, dass in Norwegen die Integration weitestgehend als erfolgreich gilt. Abschlussstatement von Bertelsmann: Stellt sich nach diesen Anschlägen, wie lange noch.

Wie bitte?

Heute kristallisiert sich heraus, dass der Attentäter islamfeindlich, konservativ, christlich-fundamentalistisch geprägt war. Er war bis 2006 Mitglied der norwegischen Fortschrittspartei, die den Pro-Parteien in Deutschland als Vorbild gilt. Der Attentäter könnte mit seinen Ansichten bis zum gestrigen Morgen durchaus smartes Mitglied der Pro-Parteien in Deutschland gewesen sein, der Partei «Die Freiheit» oder auch Redaktionsmitglied des Axel-Springer-Konzerns oder auch bei Bertelsmann.

Stellt sich die Frage, warum die Medien gehandelt haben, wie es gestern geschehen ist. Der Journalismus von heute besteht weitestgehend aus dem Prinzip Stille Post. Eine Meldung wird verbreitet, alle anderen übernehmen sie, reichern sie an, mit eigenen Vermutungen, Zitate sogenannter Experten oder Politiker aus der zweiten Reihe. Mit Journalismus hat das nichts mehr zu tun.

Eine weitere Erkenntnis trifft das jeweilige Community-Management der etablierten Medien. Das BILDblog beispielsweise lässt aus gutem Grund keine Kommentare zu — Erfahrung macht klug. Wer in die dunkle Seele des (deutschen) Michels schauen möchte, sollte einmal nur, nicht nur heute beim Thema Oslo, in den Kommentarspalten der Medien zu schauen.

Offener Rassismus ist alltäglich, nicht nur linksgrünfaschistische Politiker werden täglich beleidigt, Bedrohungen werden (noch) in der Regel gelöscht. Die Springer’sche «Welt» muss immer häufiger die Kommentare unter den eigenen Artikel schließen. Es sind die Geister, die der Axel-Springer-Konzern gerufen hat. Zeig mir Deine Freunde, und ich sage Dir, wer Du bist.

Die etablierten Medien haben es in den letzten Jahren zugelassen, dass der Pöbel und insbesondere die Kommentatoren der rechten Foren und rechtsradikalen Blogs wie «Politically Incorrect» die Herrschaft in den Kommentaren übernommen haben. Das Versagen der Medien zieht sich also von den Verlagen herab in den Redaktionsstuben bis runter ins Community Management.

Stellt sich die Frage, ob dies politisch von den Herausgebern gewollt ist, oder ob dieser Prozess schleichend geschehen ist. Wer täglich bei 95% aller Kommentaren auf der eigenen Seite, von den eigenen Lesern, zu hören bekommt, der Moslem sei schuld, übernimmt irgendwann wie selbstverständlich diese Meinung in die nächste Schlagzeile.

Der gestrige Tag war eine Bedrohung für die öffentliche Ordnung, weltweit. Diese Bedrohung ging aber nicht vom Attentäter Anders Behring Breivik aus. Die Medien haben nicht nur versagt, es war eine journalistische Bankrotterklärung. Mir persönlich bleibt ja immer die Hoffnung:

Der Mensch mag blind sein, er kann aber im Dunkeln sehen.

Das Ansehen von Journalisten liegt ungefähr im Bereich von Werbern und Bankern. Vielleicht sollten einige Damen und Herren den schrecklichen gestrigen Tag einmal zum Anlass nehmen über sich selbst und die eigene Zunft nachzudenken. Nicht eine Tagesschau-App ist schuld, wenn Zeitungen sterben. Die Menschen möchten einfach wieder gute journalistische Texte lesen, keine Kampagnen und schon gar nicht rassistischen Dreck. Es sei denn, man möchte weiterhin Doppelpass mit rechtsradikalen Blogs und Foren spielen.

Journalismus bedeutet große Verantwortung.

Es ist an der Zeit, sich wieder an die Werte zu erinnern, die sich auch in unserem Grundgesetz wiederfinden. Sollte dies nicht geschehen, ist es um keine Zeitung, um kein Magazin schade, welches eingestellt wird. Im Gegenteil. Es wäre ein großer demokratischer Fortschritt.

[ Die Inhalte dieses Artikels sind - soweit nicht anders angegeben (Grafiken z. B.) - unter dieser Creative Commons-Lizenz lizensiert und von mir von hier übernommen. ]

Siehe auch:

Ein Kommentar zu “Oslo, Anders Behring Breivik und das Versagen der Medien”

  1. Daniel schreibt:

    Dieser Eintrag spricht mir aus der Seele!

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