WikiLeaks und die Reaktionen in den deutschen Medien

Mein Kommentar zum Kommentar von Julia Seeliger in der taz: http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/so-what/

Liebe Julia,

von mir, wie gewohnt, nicht anonym. Die Kritik mancher an dem “So what” Kommentar kann ich mich anschliessen: zu schnell, zu früh, zu sehr den Eindruck weckend, mehr (oder nur) das deutsche Medienecho (also die Fotostrecken mit Brisant-Kommentaren) als (bzw anstatt) die Dokumente zu bewerten.

Ja, die Enthüllungen haben diesmal vom bisher bekannten ausgehend noch nicht die Brisanz der Kriegsdokumente aus dem Pentagon. So what?

Bespitzelung der UN und anderer Diplomaten bis hin zu snooping von Access codes ist schon raus, Unterstützung der PKK ist etwas was die Türkei nachhaltiger zum Nachdenken über ihre US-Beziehungen bringen könnte als die Kommentare zu Erdogan.

Die grundlegende Frage des Kommentars auf der Metaebene aber scheint mir doch zu sein: Ist Wikileaks am Ende der Relevanz angekommen wenn es auf absehbare Zeit keine so reichhaltige Quelle mehr hat?

Meiner Überzeugung nach nicht – viele Dokumente bei Wikileaks haben nur überregionale oder nationale, nicht internationale Bedeutung. Dennoch sind sie wichtig, weil anders als vor etwa 30 Jahren niemand mehr dem Spiegel oder Stern solche Informationen exklusiv anvertrauen würde.

Wikileaks wird anders als die BILD/Bildblog Kombi aus absehbare Zeit nicht unsere tägliche Quelle für Skandale und Skandälchen werden. Muss es auch nicht.

Die Bedeutung von WikiLeaks ist und bleibt erstmal nicht darin, Quelle für uns Lesende oder Schreibende, sondern darin Ventil für Whistleblower zu sein. Früher waren das radikalere Elemente einer radikal freien Presse – einst eben auch der Spiegel. Aber wann haben die taz oder der Freitag, der Stern oder Spiegel, der Guardian oder die New York Times, zuletzt investigativ und mit Whistleblowern einen wirklich grossen Skandal aufgedeckt?

Als mindestens mehr oder weniger funktionierendes Ventil  für Whistleblower, als Weg den Dokumente die an die Öffentlichkeit müssen nehmen können, bleibt Wikileaks meiner Überzeugung nach notwendig für eine offenere, demokratischere Gesellschaft.

Ich würde mich freuen, wenn du, Julia, das doch auch ein Stück weit einsehen oder als valide Kritik an den “so what” Kurz-Schlussfolgerungen sehen könntest.

Mit grünem Gruß aus Tübingen
von diesem nicht anonymen WikiPedia/WikiNews-Mitarbeiter.

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