Bildung – Migration – Diskriminierung

Diese Themen sind etwa so miteinander verknüpft wie die drei Veranstaltungen auf denen ich am gestrigen Mittwoch war: Zunächst einige Stunden im Kultusministerium zum Thema “Bildungshaus 3-10“, das ich als Vorsitzender des Landeselternrats (LER) begleite und unterstütze, weil “länger gemeinsam lernen” und bessere, fliessende Übergänge zwischen den Bildungsstufen zu schaffen absolut in unserem Sinne ist. Etwa die Hälfte der grossen Tafelrunde war von VertreterInnen der Träger, Beiräten, Verbänden und WissenschaftlerInnen besetzt, die andere Hälfte von den Praktikerinnen vor Ort (unter denen aus dem Bildungshaus Karlsruhe immerhin auch ein einzelner Mann war). Hier ging es um den praktischen Bezug zu den Dingen, den man dadurch erzeugen will dass Objekte erst durch eine Vitrine herausgehoben – und dann aus der Vitrine und dem Bildungshaus herausgenommen – werden. Objekte also, die von den “Wunderkammern des Weltwissens” wie Donata Elschenbroich die für alle Bildungshäuser geplanten Wissensvitrinen nannte, in die Elternhäuser, aber auch, wie ich mit Dr. Salman Ansari zusammen nicht müde wurde zu betonen, in die Patchwork-Familien und sonstigen Netzwerke rund um die Kinder, getragen werden sollen um dort etwas anzuregen, einen Bildungsdialog bei dem Kinder und Eltern (oder ältere Geschwister oder wer auch immer sich um die Kinder kümmert) das Lernen als etwas erfahren sollen, das auch zuhause stattfindet und bei denen ihre Expertise gefragt wird und zu neuen Ergebnissen führt. Elschenbroich führte dazu kurze Impulsfilme vor mit Erfahrungen die aus dem Umgang mit einem den Kindern zunächst unbekannten Ding, ob Ess-Stäbchen oder Wasserwaage, entstehen können.

Gemeinsam Lernen - Diskriminierungsfrei. Bild: CC:Dr.Jazz/FlickrBesonders in Familien türkischen Hintergrunds ist eigentlich ein hierarchisches Bildungsverständnis vorherrschend: Das Kind wird bei der Schule abgegeben, die ist zuständig, Einmischung der Eltern ist nicht erwünscht, weshalb auch Elternabende etwas sind was ihnen schon vom Prinzip her fremd ist, wie auch später am Abend Ersin Ugursal vom Alman-Türk İş Merkezi, dem Deutsch-Türkischen Business-Center, erklärte, der selbst ein “Stern seines Volkes” und deutsches CDU-Mitglied ist. So argumentierte am Mittag auch Dr. Emy Koen aus Weinheim, die als Kinderärztin viel mit türkischen Familien zu tun hat und darum schon früher zu den Beraterinnen des Kultusministeriums zählte. “Elternhausaufgaben” seien nicht schlecht, wenn sie als Pflichtaufgaben kämen würden sie auch gemacht, als freiwillige Aufgaben aber eher dann wenn die Eltern befürchten würden, ihr Kind könne wegen unvollkommener Aufgabenerledigung diskriminiert werden.

Besser als mit der Angst vor Diskriminierung ist es natürlich, mit positiver Motivation der Kinder und Jugendlichen zu arbeiten. So wie bei “Jugend Engagiert Sich” (JES), einer Initiative der Landesstiftung Baden-Württemberg, getragen vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Da gab es am frühen Abend in Tübingen die erste Auszeichnung mehrerer JES-Initiativen durch den Grünen Oberbürgerbürgermeister Boris Palmer bei einem kleinen Empfang im Tübinger Rathaus. Unter den Ausgezeichneten: Gwen Wettach, auch wenn Boris Palmer sie zunächst als ‘Anna’ aufrief. Nicht nur deshalb habe ich es mir natürlich nicht nehmen lassen, dabei zu sein. Denn Andrea Pfanner vom “Büro Aktiv” bemerkte in ihrer Rede zu Recht, dass die beste Gewaltprävention bei Jugendlichen ein auf gemeinsamen positiven Leistungen beruhendes Selbstbewusstsein ist, wie wir das auch schon 2003 mit dem jetzt EU-gestützten Projekt XENOS (gegen Fremdenfeindlichkeit) angesetzt haben, das unter dem Titel “XENOS – Integration und Vielfalt” Ende April dieses Jahres neu aufgelegt wird. (Empfehlenswert dazu morgen die Fachtagung: “Ganzheitliche Integrationskonzepte für Migranten” in Schwerin und die natürlich gleichzeitige Tagung “Konflikttransformation. Chance für eine ganzheitliche Integrationspolitik?” in Nürnberg, mitveranstaltet vom Forum Ziviler Friedensdienst.)

Zur ganzheitlichen Integrationspolitik gehört natürlich auch und vor allem die Bildungsintegration für Migranten, darum ging es gestern am späteren Abend bei einer Veranstaltung der Europa-Union in Stuttgart, eine Veranstaltung auf die ich durch die Grüne Landtagsabgeordnete Brigitte Lösch kam, die ich dort auch kurz traf. Natürlich ging es nicht nur um die neu konzipierte auch sprachorientierte Einschulungsuntersuchung sondern, ausgehend vom Gastgeber Italien mit einer Einführungsrede des italienischen Generalkonsuls Faiti Salvadori, um Vergleiche verschiedener Kulturen von MigrantInnen in Deutschland, um Diskriminierung und den (zum Teil mangelnden) Druck was höhere Bildung angeht und die verschiedenen Ansätze die es bereits gibt und für die auf dem Podium Ulrike Brittinger, Leitende Schulamtsdirektorin Stuttgart, und Ulrich Gross von der Römerschule standen. Als Vorsitzender des Landeselternrats konnte ich von den Plänen für die Bildungshäuser berichten, die natürlich nicht als ‘Leuchttürme’ wirken können, sondern nur als Erfolgsmodelle die möglichst rasch statt an 23 oder 33 an 200 oder 300 Standorten in Baden-Württemberg eingeführt werden sollten um wie gewünscht zu wirken. Den Wunsch Salvadoris, das Publikum möge doch den Druck auf die Politik erhöhen, damit die längere Grundschulzeit rascher kommt, habe ich unterstützt aber umgekehrt den Ball zurückgespielt: Der Generalkonsul muss seinen Einfluss geltend machen auf die italienische Community:

  • damit nicht mehr wie bisher nur die Hälfte der italienischen Kinder einen Kindergarten besucht (denn sonst scheitern Konzepte der Frühförderung gegen Probleme in der Vorschule schon an der mangelnden Anwesenheit der problematischen Kinder)
  • damit sich italienische Eltern mehr engagieren – in der Elternvertretung, wo sie selten zu finden sind, und in der Kommunalpolitik, wo sie ihr Wahlrecht nicht nutzen und sich kaum je in Stadt- und Gemeinderäte wählen lassen.

Diese Punkte unterstützten auch die anwesenden Vertreter der Türkischen Gemeinschaft, Ersin Ugursul vom DTC und Dr. Ahmet Ertekin von ATA Consult, mit denen ich mich auch hinterher beim informellen Teil eingehender ausgetauscht habe, so wie mit Dr. Dimitrios Kourtis vom Griechischen Generalkonsulat, der die spezifische Perspektive der Griechen in Deutschland einbrachte. Generell scheinen die EU-Inländer sich schon deshalb weniger zu integrieren weil sie jederzeit hin- und her-ziehen können und deshalb eher in einem “permanenten Provisorium” leben.

  • Wir müssen nur aufpassen, so ein Fazit, wenn sich heute zum Thema Bildung und Diskriminierung von MigrantInnen die selben Fragen stellen wie vor 30 Jahren, dass wir nicht die selben Antworten, und uns nicht mit den selben Antworten von anderen zufrieden, geben.

Ein Kommentar zu “Bildung – Migration – Diskriminierung”

  1. Fi-na-le: Gönüllerin Sampiyonu - Grüne Kraft für Europa - Wolfgang G. Wettach - http://gruene.wettach.org schreibt:

    [...] des European Anti-Discrimination Council EAC, in Bonn um über mögliches gemeinsames Vorgehen gegen Diskriminierung und für AGG und die volle Umsetzung der EU-Richtlinien gegen Diskriminierung. Fälle gibt es mehr [...]

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