Matthias Güldner schreibt minderbetwittert gegen das Internet – und gegen die Grünen (Update)

Matthias GüldnerAuf seiner Homepage, die ich nur ungern mit einem Link würdige, da er da ohnehin keinerlei Kommentare zulässt, hat MdBB Matthias Güldner einen unsäglich ärgerlichen Text geschrieben, der ihn als Internetausdrucker ohne jede Sachkenntnis zeigt, der das 21.Jahrhundert weder verstehen noch die dort aktiven Menschen respektieren will. So weit, so schlecht. Zwei Dinge aber sorgen dafür, dass ich darüber nicht einfach zur Tagesordnung übergehe: (1) dieser Text ist auch als Kommentar bei Welt.de erschienen und seither viel zitiert und noch mehr verlinkt worden – (2) dieser Mensch ist nicht irgendein Bürgerschaftsabgeordneter, sondern Fraktionsvorsitzender von Bündnis90/Die Grünen.

Wer sich jetzt mit dem Thema Internetpolitik der Grünen so wenig beschäftigt wie Matthias Güldner mit dem Thema Internetsperren könnte auf die Idee kommen, das wäre die Meinung der Grünen, und tatsächlich wird uns schon jetzt diese Einzelmeinung nicht nur von Mitgliedern der Piratenpartei um die Ohren gehauen. An einigen Stellen im Netz (und auf dem Anrufbeantworter von Matthias Güldner, weil man so jemand nicht mit (einer Flut von) Emails erreicht) habe ich mich bereits dazu geäussert – hier will ich das nochmal sortiert und am Stück tun.

Hätte Matthias Güldner Einsicht in das Thema gehabt, hätte er vielleicht auch beim Thema Zensursula sich selbst zum Thema “Terror” zitiert und uns Grünen viele Nerven geschont:

Er sieht die bestehenden strafrechtlichen Möglichkeiten als ausreichend: “Das Vorhaben der großen Koalition in Berlin ist ein verfassungsrechtlicher Ritt über den Bodensee.” (Quelle)

Was hat er stattdessen geschrieben?

Es geht vielmehr knall hart um Definitionsmacht in Zeiten der Virtualisierung der Welt. Ihre Anhänger kämpfen mit hoch effektiven Mitteln für die Rechtsfreiheit ihres Raumes. Wer sich in ihre Scheinwelt einmischen will, wird mit Massenpetitionen per Mausklick weggebissen.

Die Tatsache, dass diese Community viel Zeit in virtuellen Räumen verbringt, spielt dabei eine große Rolle. Wer Ego-Shooter für Unterhaltung, Facebook für reales Leben, wer Twitter für reale Politik hält, scheint davon auszugehen, dass Gewalt keine Opfer in der Realwelt fordert. Anders kann die ignorante Argumentation gegen die Internetsperren gar nicht erklärt werden.

Matthias Güldner mag nicht der einzige unter den Grünen-Mitgliedern sein der so denkt. Gewiss ist er nicht der Einzige unter den Grünen-Wählern – und ich nehme mal an dass er noch Grün wählt, auch wenn von den Bundestagsgrünen keine einzige Stimme für Zensursula kam.

Was die Enthaltungen angeht wirst du mitbekommen haben, dass
1.) KEINE Grüne Stimme für Zensursula kam
2.) Die Grünen anwesend waren, während die Linke mit entsprechend viel Abwesenheit glänzte. Auch eine Enthaltung, oder? Kritisiert von den Piraten werden aber nur die Grünen.
3) es hinterher ausdrückliche Kritik und viele Diskussionen gab – und wieviele Grüne in wievielen Parteiämtern sich der gPetition der Zeitrafferin zum Thema angeschlossen haben.

Er ist Teil einer schwindenden Gruppe von internetfremden Skeptikern, die es in fast jeder Partei gibt – die bei den Grünen aber bereits die Minderheit ist, wie die guten und sinnvollen Parteitagsbeschlüsse gegen Internetzensur und “Netzsperren” zeigen, während die Altparteien davon noch eine satte Mehrheit in ihren Reihen haben dürften. Noch.

Der SPD’ler Christian Soeder bloggt dazu bei RotStehtUnsGut:

Meine These ist: Güldner ist in seiner Partei nicht so isoliert, wie es scheinen mag. Wenn man sich nur die Internetvordenker wie Julia Seeliger anschaut, wird man meine These als lächerlich abtun – wer sich die Grünen jedoch etwas näher anschaut, weiß, dass esoterisches Gedankengut immer wieder Einzug in offizielle Dokumente hält. Das Nanny-hafte, das Ziel, alles, was irgendwie schwierig und problematisch ist und Probleme geben könnte, den Staat regeln zu lassen, und zwar möglichst umfassend, ist Teilen der Grünen ebenfalls zuzuordnen.

Meine Antwort: Anthroposophisches Gedankengut gibt es bei den Grünen immer mal wieder. Esoterischeres immer seltener. (Und anthroposophisches Gedankengut hat den Wiedereinzug ins EP diesmal verpasst). Einen übertriebenen Hang nach dem Staat zu rufen sehe ich allerdings, egal was man von Grün21 halten mag, eher bei der SPD (und wenn es um law&order geht bei der CDU), nicht bei den Grünen, bei denen das libertäre Element durchaus stärker ist und Aktive wie ich, die im Vierteljahrestakt Unternehmensgründungen fördern, weniger die Ausnahme sind als Industriegewerkschafter aus der Zeit der Deutschland-AG.

Als Mitglied der Grünen Schiedskommission in Tübingen (nicht Bremen), der Bundesarbeitsgemeinschaft Europa der Grünen und des Web2.0 Wahlkampfteams von MdB Winne Hermann weiss ich mich hier mit Parteivorstand Malte Spitz und mit der Mehrheit der Parteiaktiven gemäss dem beschlossenen Bundestagswahlprogramm auf einer gemeinsamen – und klaren – Linie für einen sinnvollen Umgang mit dem Internet und modernen Medien.

Natürlich gibt es Internetkritische Skeptiker in allen Parlamentsparteien (so wie es Twitterer gibt die Sorgen wegen “Killerspielen” haben und Counterstrike-Spieler die das “Gezwitscher” komisch finden), aber bei uns Grünen sind sie bereits in der Minderheit, während sie bei den Altparteien noch die Mehrheit stellen – Noch!

Davon zeugen klare Stellungnahmen nicht nur des Bundesvorstands und der Partei, davon zeugt auch das gute auf der BDK in Berlin beschlossene Kapitel des Bundestagswahlprogramms der Grünen. Dass die Partei anders tickt als ein Matthias Güldner hat zum Beispiel auch die rasche und klar ablehnende Stellungsnahme der Parteivorsitzenden Claudia Roth gezeigt als die dumme Idee eines “Paintball-Verbots” aufkam (1).

Wer dazu noch Fragen hat, kann sich die Rede von Jörg Rupp bei der Karlsruher “Wir sind Gamer” Kundgebung bei YouTube ansehen, wo er auch die Pressemitteilung der Grünen Bundestagsfraktion zitiert:

Wer versucht, den komplexen Hintergrund jugendlicher Gewaltkriminalität allein über den Medienkonsum, also Computerspiele, Internet usw., zu erklären verengt unnötig seinen Blick. Monokausale Ansätze sind für die Erklärung solcher Phänomene ungeeignet. Die IMK und andere Politiker, wie Frau von der Leyen, verkaufen den Bürger schlicht weg für dumm, wenn sie den Eindruck erwecken, dass mit einem Verbot von so genannten Killerspielen, das Problem Jugendgewalt in den Griff zu bekommen wäre. (…) Für uns sind Computerspiele auch das Ergebnis kreativen, oft auch künstlerischen Schaffens und weisen eigene Inhalte, Ästhetik, Erzählstrukturen usw. auf. Sie sind die moderne Fortschreibung des altbekannten Spielens – mit neuen technischen Mitteln. Sie bergen große Potenziale, z.B. bei der Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten. Wir wollen mehr “gute” Spiele in den Regalen sehen.

…Und mehr aufgeklärte PolitikerInnen, die sich der Realität und differenzierter Sichtweise sowenig verschliessen wie unseren Parteibeschlüssen, möchte ich hinzufügen. Damit auch in Bremen Grüne nicht wie der CCC-aktive Sebastian austreten sondern wie Patrick Meiß aus dem Landesvorstand der Grünen Jugend Bremen aktiv bleiben.

Bei Twitter ist die Aufregung über Güldner gross, auch und gerade bei Grünen:

Aber auch dazu hat Matthias Güldner schon im Voraus eine Antwort:

Da haben sich einige wohl das Hirn herausgetwittert.”(…) “Teile der Grünen – fasziniert von den Möglichkeiten der virtuellen Mobilisierung und hingerissen von ihrem eigenen Getwitter – erkennen, dass unsere Wähler und Wählerinnen eine hohe Affinität zu Menschenrechtsfragen haben, erst recht wenn Kinder die Opfer sind. Unser Umfeld kommt zu einem nicht unerheblichen Teil aus den erziehenden Berufen, ist selbst Mutter oder Vater. Die Internetsperren haben Umfragen zu Folge bei ihnen eine hohe Popularität. Die Glorifizierung des Internet wird vergehen.”

Ich bin zu einem nicht unerheblichen Teil meines Lebens Vater von zwei Mädchen (5 und 9), bin Sprecher des Vorstands des Gesamtelternbeirats der Kinderbetreuungseinrichtungen GEB in Tübingen, Vorsitzender des Landeselternrates LER Baden-Württemberg und diskutiere wie hier im Blog als Leiter des Runden Tischs Gewaltprävention das Thema “Killerspiele“, unterstütze seit Jahren das Portal http://www.gegen-missbrauch.de (anders als “Save the Children” keine gewinnorientierte sondern eine gemeinnützige Gruppe) und auch wenn ich als Mitglied der “Generation C64″ schon seit dem VC20 am Computer und schon seit dem Amiga im Netz aktiv bin, heute auch bei Twitter bzw. identi.ca, habe ich mir doch nicht “das Hirn rausgetwittert“. Im Gegensatz zu Matthias Güldner habe ich mir auch nicht durch parteischädigende Veröffentlichungen in der Springerpresse eine Ausschlussdiskussion verdient.

Die Glorifizierung des Internet wird vergehen? Der Fraktionsvorsitz von Matthias Güldner wird vergehen, sage ich dazu. Soll Matthias Güldner sich Herrn Berninger anschliessen – oder eben §5 Abs.2 der Landessatzung nochmal lesen und sich eines besseren besinnen. Die Grünen vertritt er nicht, und mit einer so grottigen Stellungnahme gegen die Parteibeschlüsse sollte er das auch nicht mehr dürfen. Jedenfalls gewinnt er damit nicht nur keinen Blumentopf, er verliert damit auch jede parteiinterne Auseinandersetzung.

Und das ist gut so.

(1) (auch wenn zu dem Thema sich Renate einmal abseits der Parteimeinung stellte)

Update: Blog- und Blütenlese zum Thema:

Stellungnahm des Bundesvorstands der Grünen Jugend zum Thema

Offener Brief von Eike Schurr (Grüne Jugend Landesvorsitzender Bremen)

Offener Brief von Jörg Rupp (Bundestagskandidat aus Karlsruhe)

Parteiaustritt von CCC-Bremen-Aktivist Sebastian Raible (dort auch von mir diskutiert)

Johnny Häusler bei Spreeblick: Don’t Feed the Trolls

Markus Beckedahl bei Netzpolitik: “Politiker des Tages”

Gregor Möllring: Die Ignoranz des Matthias Güldner

Zeitrafferin Julia Seeliger: Herr Güldner aus Bremen

Alex Schestag: “Güldner muss sich entschuldigen

Katja Husen: Stein des Anstoßes

Grüne Jugend Bayern: “Auch Realität produziert Müll

50hz: “Unterbietet jedes Niveau

Bundesvorstandsmitglied Malte Spitz & Stellungnahme des Bundesvorstands von Bündnis90/Die Grünen

Mein Kommentar dazu: Ich habe mich gefreut, dass der Altgrünen BuVo in seiner Stellungnahme dem BuVo der GJ nicht viel nachstand. Zur Sache bei Matthias Güldner ist nun deutlich genug gesagt dass er auf verlorenem Posten steht.

Zur Personalie Güldner aber ist meines Erachtens das letzte Wort noch nicht gesprochen. Wer sich so abseits und gegen Beschlüsse von Vorstand und Partei stellt, sollte sich fragen (lassen) ob er noch in der richtigen Partei ist – und da bleiben sollte.

Die polemische Wählerbeschimpfung die nicht nur zu deklaratorischem Grünen-Abschied von künftigen WählerInnen der Piratenpartei geführt hat, sondern auch zu echten Grünen Parteiaustritten, ist Parteischädigung und sollte auch so behandelt werden.

Ich hoffe, dass die antragsberechtigte GJ Bremen unter Berufung auf §5 Abs2 der Landessatzung Bremen ein Schiedsverfahren beantragt, in dem die Frage der Zukunft Matthias Güldners in der Partei behandelt wird. Angemessen wäre es.

19 Kommentare zu “Matthias Güldner schreibt minderbetwittert gegen das Internet – und gegen die Grünen (Update)”

  1. Dominik schreibt:

    Ich habe gestern dem Herrn Güldner mal ne Mail mit folgendem Inhalt (+Grußformeln) geschrieben: http://pastebin.com/m7b180cc – auf antwort darf ich aber wohl nicht hoffen wenn ich das hier so lese. Schade, eigentlich. Aber der Herr Güldner ist schließlich auch bei Save the Children e.V., was interessieren ihn da Meinungen von Dummköpfen?!

    Naja, was ich eigentlich sagen wollte: Guter Artikel. Danke :)

  2. Marcel schreibt:

    Ich war eigentlich grüner Stammwähler, habe mich aber nach der enttäuschenden Abstimmung der Grünen beim Zensursula-Gesetz (1/3 Enthaltungen) dafür entschieden, die Piratenpartei zu wählen. Weil dort das Thema Bürgerrechte nicht nur eins von vielen ist und es mir wichtig ist, ein Ausrufezeichen zu setzen!

    Dennoch möchte ich mich an dieser Stelle bedanken. Wir brauchen Leute wie dich, die die Bürgerrechte und den intelligenten Diskurs weiterhin hochhalten. Für die Überzeugungsarbeit in der Partei wünsche ich jedenfalls viel Glück und Erfolg!

  3. brody schreibt:

    puuh – schwitz – es findet sich im Dunstkreis der Grünen eine respektable Antwort.
    Ich habe anhand des Güldner Beitrags und der mir verursachenden Schmerzen einmal wieder gemerkt, das ich seit über 20 Jahren latenter Grünen Sympathisant bin – weil, dieser Güldner Beitrag hat einfach nur wehgetan, und das hät er nicht, wenn mir die Grünen völlig egal wären.
    Und um es an dieser Stelle ebenfalls loszuwerden:
    die “Enthaltungen” haben auch geschmerzt (ganz zu schweigen vom Debatten Beitrag).
    Nun mit dem Finger auf die “Linken” zu zeigen, erinnert mich mehr an das Verhalten meiner Kinder im Sandkasten, will sagen, ist nicht so wirklich eine starke Argumentation.
    Mich hat das Verhalten der Grünen interessiert – und die, die boten eine schwache Vorstellung.
    Sorry – mein persönlicher Reflex heute morgen sah den Güldner Beitrag quasi in Tradition zu diesen “Enthaltungen”
    Und – es hat mich gefreut, diese mal etwas engagiertere Internet Präsenz eines Politikers zu finden.

  4. sufer1 schreibt:

    schmeisst den typen doch einfach raus…!

  5. Ostwestfale schreibt:

    welt.de hat gerade die Reißleine gezogen…und hat alle Kommentare gelöscht und die Kommentarfunktion deaktiviert…wie schön es doch ist, in einer Demokratie zu leben…

  6. till we *) . Blog » Kurz: Es ist alles schon gesagt schreibt:

    [...] diese aber in dieser Form und besonders in diesem Ton vorzutragen, geht meiner Meinung nach nicht. Zwei Dinge aber sorgen dafür, dass ich darüber nicht einfach zur Tagesordnung übergehe: (1) diese… Dass prominente VertreterInnen unserer Partei sich in so verkürzter und populistischer Art und [...]

  7. WGW schreibt:

    @Dominik, @Marcel, @Brody – Danke für Eure Kommentare. Zu den Enthaltungen siehe oben. Es gab genügend Grüne PolitikerInnen die das selbst parteiintern und öffentlich kritisiert haben wie das lief – auch das hat das Bewusstsein für das Thema in der Partei weiter geschärft.

    @sufer1 Das habe nicht ich zu entscheiden, das entscheiden die Grünen Bremen mal ganz basisdemokratisch und regional selbst. Diskussionswürdig finde ich aber, s.o., die Frage der Zukunft von MG in der Partei.

    @Ostwestfale Die Kommentare sind wieder da, auch mein eigener. Nicht alle copy&paste Kommentare waren es übrigens wert, zehnmal ungeändert im thread zu stehen…

  8. Robert Kiss schreibt:

    Gratuliere den Grünen zu solchen Volldeppen wie Güldner.

    Und vielen Dank für die Wahlkampfhilfe für die Piraten. Schon wieder ein bisschen Aufwand weniger.

    Gruss

    Robert Kiss

  9. WGW schreibt:

    @Robert Kiss: Der Einschätzung dass dieses Anti-Grüne Statement von Mathias Güldner Wähler vergrault und das eigentlich klare Bild des guten Grünen Programms verschleiert als gäbe es dazu immernoch einfach “verschiedene Meinungen” und keine gefassten Beschlüsse, muss ich zustimmen.

    Deshalb konnte ich, wie so viele andere Grüne bis an die Bundesspitze, diesen Mist auch nicht unkommentiert lassen. Grüne Positionen sind das Gegenteil von dem was Güldner hier ungefragt vertritt. Wer das leugnet, verzerrt die Wahrheit nicht besser als Güldner das in seinem Statement tut.

  10. zeitrafferin » Julia Seeliger » Herr Güldner aus Bremen schreibt:

    [...] Wolfgang Wettach: “Matthias Güldner schreibt minderbemittelt gegen das Internet – und gegen die Grünen” [...]

  11. Claudia schreibt:

    Mir machen Leute wie ihr mehr Angst, die sofort Beschwerdebriefe verfassen, “Rausschmeissen” statt demokratischer Diskussion fordern und Trendparteien wie die Piraten bedingungslos unterstützen. Und dann versuchen, andere Leute mit der Moralkeule zu erschlagen. Nerds.

  12. WGW schreibt:

    Liebe Claudia,

    abweichende Meinungen und demokratische Diskussionen – jederzeit d’accord. Irgendwann ist dann aber auch die Zeit für Beschlüsse gekommen – und ein solcher Beschluss ist das Digitale Kapitel in unserem Bundestagswahlprogramm, wo wir uns aus vielen guten Gründen mit der überwältigenden Mehrheit der Delegierten aller Altersgruppen und Regionen für die eindeutige Ablehnung der sogenannten “Netzsperren” ausgesprochen haben.

    Eine ausführliche parteiinterne Diskussion gab es auch nach den Enthaltungen mehrerer Fraktionsmitglieder im Bundestag zum Zensursula-Gesetz. Partei und Vorstand haben da die gemeinsame Linie nochmal klar positioniert.

    Da kann man dann immernoch anderer Meinung sein. Zum etwa gibt es immernoch sehr unterschiedliche Meinungen bei den Grünen und zum Thema HartzIV kenne ich immerhin einen aktiven Grünen, der deswegen *eingetreten* ist weil er’s gut fand so. Andere dagegen streiten für das Bedingungslose Grundeinkommen, auch wenn das in der Bundespartei knapp keine Mehrheit fand.

    Alles fein.

    Aber Inhalt, Form und Forum der Diskusssion muss passen, in der man sich auseinandersetzt. Zur Zukunft von Afghanistan etwa gab es Regionalforen, bei denen der Fraktionsvorstand (pro Einsatz), ein parteiinterner Kriegsgegner (gegen Einsatz) und ein NGO-Vertreter (differenziert) mit einander und mit den regional teilnehmenden Parteimitgliedern diskutierten.

    Wählerbeschimpfungen wie Güldners gehören da genausowenig rein wie Diffamierung der Vertreter anderer Positionen als kriminell oder das völlige Ignorieren der Beschlusslage, um gegen diese dann in der Springerpresse anzuhetzen.

    Das ist keine Demokratische Diskussion.

    Zum Thema Felicia Langer und Israelkritik (siehe folgender Blogeintrag sobald er fertig ist) habe vermutlich ich eine abweichende Meinung von der Parteimehrheit. In Zusammenhängen wo ich als Grüner spreche und schreibe befleissige ich mich dennoch einer Formulierungsweise die meiner Position angemessen ist und beschimpfe nicht die, die anderer Meinung sind, ihr Hirn sei mit Matzen verklebt – und würde ich das tun, würden sicher einige meinen Rausscmiss fordern, nicht ganz zu unrecht.

    Was Matthias Güldner angeht so habe ich nicht seinen Rausschmiss gefordert, sondern halte es einfach für angemessen, dass er sich fragt und fragen lässt ob er angesichts solcher geistiger und politischer Ausfälle noch in der richtigen Partei ist. Und das kann und soll durchaus demokratisch in einem parteiinternen Schiedsverfahren der Bremer Grünen stattfinden, so wie es das in Tübingen tun würde (wo ich als das männliche Mitglied der Schiedskommission zuständig wäre).

    Ein Mitglied und zumal ein Funktionär der Grünen hat auch Pflichten – dazu gehört nach der Landessatzung auch bei den Bremer Grünen auch, die Beschlusslage der Partei zu vertreten und zu respektieren, selbst wenn mensch sich parteiintern dann für andere Beschlüsse einsetzt.

    Das “Nerds” nehme ich als Dorktower lesender Geek mal nicht als Beleidigung, denn Computerfan bin ich bei aller Abneigung gegen einen Überwachungssstaat und allem Einsatz gegen die Volkszählung damals schon seit langem.

  13. Claudia schreibt:

    Danke für Deine Antwort. Soll und darf ich mal was ergänzen? Ich wähle seit der Wahlberechtigung vor über 12 Jahren ausschließlich grün. Der Artikel, vor allem auch das von euch so kritisch beurteilte Zitat:

    ” Es geht vielmehr knall hart um Definitionsmacht in Zeiten der Virtualisierung der Welt. Ihre Anhänger kämpfen mit hoch effektiven Mitteln für die Rechtsfreiheit ihres Raumes. Wer sich in ihre Scheinwelt einmischen will, wird mit Massenpetitionen per Mausklick weggebissen.

    Die Tatsache, dass diese Community viel Zeit in virtuellen Räumen verbringt, spielt dabei eine große Rolle. Wer Ego-Shooter für Unterhaltung, Facebook für reales Leben, wer Twitter für reale Politik hält, scheint davon auszugehen, dass Gewalt keine Opfer in der Realwelt fordert. Anders kann die ignorante Argumentation gegen die Internetsperren gar nicht erklärt werden.”

    spricht mir aus der Seele. Und seid doch mal ehrlich, liebe Grünen, ne Menge von euch Politikern wie Wählern sind noch viel wertkonservativer und älter, als es hier den Anschein machen will. Ich fürchte mich tatsächlich vor dieser egobezogenen, recht weltfremden, hedonistisch orientierten Generation DSL 2.0.
    Tut mir leid, es ist so. Anhänger werde ich in diesem Blog beileibe nicht finden, das tut der Sache keinen Abbruich, dass ich die Meinung von Matthias Güldner nicht trotzdem teile. Ich hatte den Artikel übrigens in der (gedruckten ergo gekauften) Welt-Ausgabe gelesen und fand ihn gut. Dass er eine solche pseudo-Entrüstung hervorbringt, hätte ich beim Lesen nicht gedacht.
    Nun ja, nicht zuletzt der Grünen-Veitstanz um das Hamburger Kohlekraftwerk (alle Verträge waren unterschrieben, aber das Wahlkampfthema musste ja durchgeprügelt werden, koste es – den Steuerzahler – was es wolle; ich komme aus Hamburg) und jetzt die Totschlagdebatte um den Güldner lassen auch mich doch arg darüber nachdenken, ob ich die Grünen nochmals unterstütze. Keine Drohung – nur eine Überlegung. Ihr müsst dem momentanen Internet-Trend – alles umsonst, jede Kritik ist Zensur, die wahre Demokratie findet im Netz statt – pffffft – wirklich nicht hinterherlaufen, das habt ihr nicht nötig.
    Beste Grüße von einer gerade mal 30-jährigen Jungredakteurin.

  14. m94.5-Netzticker #003: MissbrauchsOpfer gegen Internetsperren « m94.5 Netzticker schreibt:

    [...] Wolfgang Wettach: Matthias Güldner schreibt minderbetwittert gegen das Internet – und gegen die Grünen [...]

  15. Daniel schreibt:

    Ach kommt schon… Ihr Grünen sagt, die Jugendgewalt dürfe man nicht NUR auf die Computerspiele zurückführen. Ihr wollt mehr “gute Spiele”. Ihr seid also definitiv gegen sogenannte “Killerspiele”. Vielleicht sprecht Ihr Euch jetzt (noch) gegen ein Verbot aus, aber dass Ihr Euch gegen eine entsprechende Initiative eines Koalitionspartners stellen würdet, daran habe ich meine Zweifel. Und zwar nicht erst, aber besonders, seit den grünen Enthaltungen in der Zensurabstimmung.

  16. Der digitale Graben und die Koalition der Netzfreunde: Getrennt Segeln, Gemeinsam Ändern! - Grüne Kraft für Europa - Wolfgang G. Wettach - http://gruene.wettach.org schreibt:

    [...] Matthias Güldner schreibt minderbetwittert gegen das Internet – und gegen die Grünen (Update) [...]

  17. WGW schreibt:

    http://www.zeit.de/online/2009/31/Gruene-Twitter

  18. WGW schreibt:

    (…) Von der Polemik in Güldners Artikel („Da haben sich einige wohl das Hirn herausgetwittert“) fühlte sich auch Parteikollege Wolfgang Wettach auf den Schlips getreten. Er bezeichnete Güldner daraufhin als “Internetausdrucker ohne jede Sachkenntnis”. (…)
    http://www.zeit.de/online/2009/31/Gruene-Twitter

  19. Internetzensur in D? - Seite 29 - Musiker-Board schreibt:

    [...] (achja und den herrn g

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