Joschka Fischer zu Gast in Boris Palmers Tübingen macht Blau

Politik für den Blauen Planeten” hiess der Vortrag von Joschka Fischer, Aussenminister a.D. und niemals Bundesvorsitzender der Grünen, auf Einladung von Boris le Bleu, wie die Zeitrafferin ihn nennt, im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Tübingen macht Blau” zum Klimaschutz hier in der Stadt des Energiewandels, der beim Einzelnen anfängt aber noch lange nicht endet. Fischer war es auch, der das Vorwort für Boris Palmers Buch geschrieben hat, worauf ein Aufkleber auf dem Titel hinweist, der sich auch entfernen läßt, worauf der Grüne Bundesvorsitzende a.D. Reinhard Bütikofer per Twitter hingewiesen hatte.

Wer das Buch oder wenigstens das Vorwort schon vor diesem Abend gelesen hatte, wurde von Fischers Vortrag nicht wirklich überrascht, dennoch waren so viele Menschen gekommen wie selten nur wenn ein Grüner einen anderen Grünen Gastredner einlädt (siehe Bild, wo der Saal sich füllt über die Grenze der ersten 650 Menschen hinaus. Vorne rechts MdB Winne Hermann im Gespräch mit Bernd-Rüdiger Paul). Wer ihn noch nicht live erlebt hatte durfte sich aber überraschen lassen von der Souveränität, mit der Fischer mit Zwischenrufen vor allem eines notorisch geltungssüchtigen Einzelnen umging. Allzu bekannt die Kritik wer von Klimaschutz rede dürfe nicvht zu seinen Vorträgen fliegen – der Zwischenrufer steigerte das mit dem Hinweis, es gäbe schliesslich, wenn schon Flüge, dann doch CO2-freie Segelflugzeuge. Joschka liess das nicht einfach stehen sondern versprach fest, bis zum nächsten Besuch in Tübingen einen Segelflugschein zu machen, um umweltfreundlich einschweben zu können. Als der Zwischenrufer aufforderte, wenigstens von Tübingen aus nicht weiterzufliegen sondern mal mit der Bahn zu fahren, “ich zahle Ihnen auch das Bahnticket” konterte Fischer sofort: “Einverstanden! Ich fahre morgen mit dem Zug nach München weiter. Kommen Sie nach vorne und bringen Sie das Geld für das Ticket! Ja hallo? Na? Wo ist er denn jetzt hin?” – und daraufhin gab es minutenlang keine Zwischenrufe mehr.

Als die lautstarken Zwischenrufe und Joschkas Lust, auf sie einzugehen, den Vortrag wieder deutlicher störten versuchte Tübingens OB Boris Palmer im leisen persönlichen Gespräch, Ruhe herzustellen, was eine Weile half. Als es wieder zuviel wurde (Fischer: “Ich bin lauter als Du!! Und weisst du wieso? Weil ich Strom habe!”) gab Palmer schliesslich seinem Adlatus einen Wink und der Hauptzwischenrufer wurde aus dem Saal entfernt – getragen, weil es anders kaum zu ertragen war. Daraufhin ging der Vortrag recht ungestört vor sich, erst gegen Ende bei Fragen&Antworten (“Aber bitte Fragen, keine Co-Referate, oder wenn die sein müssen dann nicht länger als 60 Sekunden!”) gab es wieder Einzelne die sich laut Gehör verschaffen wollten. Auch da routinierter Umgang Fischers: “Ja, so habe ich das selbst auch gemacht: Mich ganz hinten in den Saal gestellt und von da gerufen – aber damit kommst du bei mir nicht durch”

Was gab es inhaltlich zu hören, über den Unterhaltungswert, den Joschka-Event, hinaus? Schwerpunktthema war Energie. Er selbst sei ein Gegner der Atomenergie, nicht nur theoretisch, das habe er auch praktisch in Hanau gezeigt. (Damit meinte er wohl seine Zeit als Umweltminister in Hessen, denn an der großen Demonstration in Hanau damals hat er, anders als Jutta Dittfurth und ich und etwa 20.000 mehr oder weniger Schwarzer Block, nicht teilgenommen. Ach ja, wenn ich erst Minster bin…) Der Atomausstiegskonsens, von reinblütigen AKW-Gegnern als Verrat empfunden wegen der vereinbarten Restlaufzeiten, werde heute auch von diesen Grünen vor sich hergetragen wie eine Monstranz bei katholischen Prozessionen uind dürfe nicht mehr angetastet werden – sei darum also wohl richtig gewesen. Die Lösung für die Energieprobleme der Zukunft liege jedenfalls nur in Erneuerbaren Energien und Effizienzsteigerung.

Den Klimaschutz heute aber kann man nach Fischer nur meistern wenn man mit der Notwendigkeit der Gasnutzung und der Realität der massiv ansteigenden Zahl weltweiter Kohlekraftwerke umgeht: CCS, die CO2 Abscheidung und Speicherung, sei darum eine wichtige Übergangstechnologie, die einzige mit der man eventuell den massiv wachsenden Emissionen der Schwellenländer Indien und vor allem China Herr werden kann. Von der Effizienz her aber sei das keine zukunftweisende Strategie und er wolle nicht darum für neue Kohlekraftwerke in Deutschland plädieren.

Desertec, das Projekt der Solarthermie zur Stromerzeugung in der Wüste, ist nach Fischer schon deshalb genau das Richtige, weil hier die großen Player der Industrie sich beteiligen, von der Münchener Rück bis zur Deutschen Bank. Das werde wiederum Vorbildfunktion haben. Ob dies nicht eine neue Form des Kolonialismus werden könne so wie zunächst die Ölausbeutung im Nahen Osten, fragte Hauke, ein Grüner aus Friesland, nur um zur Antwort zu bekommen dass dieses “zunächst” beim Öl zeige dass das auch beim Sonnenstrom aus Afrika nicht anders werde, egal ob der Strom erzeugt wird um zunächst Afrikas Stromhunger zu berfriedigen oder nicht.

Arvid Goletz, neuer grüner Gemeinderat in Tübingen und Berater für Erneuerbare Energien, kritisierte die mangelnde Erwähnung von Bioenergie in Fischers Vortrag – Fischer sagte, Agro-Sprit, Biofuel, sei keine Lösung – Biomasse dagegen könne durchaus in lokalen Kreftwerken zur Lösung beitragen, gerade wenn man an die Pflanzen als CO2-Speicher denkt.

Meine geäusserte Sorge, die Desertec Erkundung könne wie einst die GROWIAN-Bemühungen eine Alibi-Tätigkeit sein deren negatives Resultat soweit möglich fest stünde, teilte Fischer nicht. Die beteiligten Akteure wollen tatsächlich Gekd verdienen mit dem Projekt und würden es schon deshalb voranbringen. Zum Abschluss dann: Signieren der Bücher “für Risikokapital, je nachdem wie sie den künftigen Marktwert unserer Namen einschätzen”, wie Boris Palmer es ausdrückte, dessen OB-Kandidatur für Stuttgart (und Fischers Aussage, Palmer werde OB von Stuttgart werden) von ihm selbst kurz thematisiert wurde. Mein Pech, dass ich signierte Bücher so schätze – von Carlo Schmid über Ged Bastian bis zu Boris&Joschka…

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