Peak Oil und die Europäische Stadt der Zukunft – ecocity2009

Ecocities emergingIn der Reihe “Peak Oil – Wege in die postfossile Gesellschaft” diskutierte ich heute mit Joachim Eble, dem Architekten, der einen Vortrag über die europäische Stadt der Zukunft anhand der EU-Projekte Ecocity und Snowball hielt. Er vertrat zwei Kernthesen:

* The world becomes city

* The city is the solution, not the problem

Zum Selberweiterlesen für Ungeduldige:

 

Für Geduldige: Das Update hinter dem cut:

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The world becomes city: 80% der EU-Bevölkerung leben in Städten, das trifft weltweit auf 50% der gesamten Menschheit zu. Von 20% der Menschheit in den Industriestaaten werden 80% der Ressourcen verbraucht, das entspricht weltweit etwa einem Verbrauch von etwa 70% der Ressourcen durch Stadtbevölkerung. Wer die Probleme kommender Energieknappheiten und weltweiter Ressourcenverteilungen lösen will, muss das darum in den Städten tun. Ihnen und damit den Architekten und Stadtplanern auch und vor allem in der Europäischen Union kommt darum eine zentrale Rolle zu, weil wir unsere Hausaufgaben hier in der EU machen müssen bevor wir auf andere in dem Bewußtsein zugehen können, Teil der Lösung zu sein.

Energie-Effizienz muss bei uns in der EU beginnen

Ausgehend davon wurde das EU Projekt ecocity entwickelt als Muster für künftige und in den Modellprojekten schon jetzt neue Stadtplanung. An vielen Beispielen aus unterschiedlichen Klimazonen und seiner eigenen Arbeit weltweit erklärte der Architekt und Stadtplaner Joachim Eble die wesentlichen neuen Ansätze:

  • Stadt der Bürgerbeteiligung
  • Stadt der kurzen Wege
  • Stadt der CO2-Neutralität
  • Stadt der Energieerzeugung

Bürgerbeteiligung erlaubte in einer Stadt der Niederlande eine autofreie Siedlungsentwicklung. An auch in der Öffentlichkeit, auf der Strasse und in Hallen aufgestellten Planungstischen konnten die Menschen eigene Ideen entwickeln und einbringen, wobei es, wie in Meppel in Friesland, hiess “Jeders mening telt!” Plötzlich und ohne dass das eine Vorgabe der Stadtverwaltung gewesen wäre war das Konzept für das Neubauviertel plötzlich geprägt von der Frage der Energieversorgung: Zwei Biogas Regionen, eine Windregion, eine große Erdwärme-Region… CO2-neutral entwickelte sich eine courtyard community, in Höfen und Plätzen organisiert, die alle wesentlichen Elemente enthalten sollten.

Das war auch der Grundgedanke beim EU-Modellprojekt Südstadt Tübingen, das unter das Motto “Stadt der kurzen Wege” gestellt wurde. Soziale Dienste, Kultur, Gesundheitsversorgung, Nahrung, alles sollte in erreichbarer Nähe der Wohnungen sein. Öffentlicher Nahverkehr wurde von vornherein mitgeplant, der Schwerpunkt lag jedoch auf der Erreichbarkeit für Fußgänger und Radfahrer. Privaten Autos wurde dagegen keine Priorität in der Planung gegeben, weil das Herz der Siedlung die autofrei erreichbaren Ziele sein sollten.

Perspektiven-Werkstätten als neu populäre Methode der Stadtplanung erscheinen Joachim Eble dabei der einzig gangbare Weg, der jetzt vermehrt gegangen wird. So tiefgreifende Änderungen gegenüber bisherigen Konzepten der Stadtanlage (erst Strassen und Infrastruktur vorlegen, dann sollen die Menschen und Firmen darein ihre Dinge planen) sind nur mit sozialem Einverständnis machbar, also nur wenn von Anfang an die künftig Nutzenden einbezogen sind in Perspektiven und Konzeption.

Ein Beispiel dafür ist Masdar in Abu-Dhabi, wo unter planerischer Beteiligung Ebles ein Stadtviertel von 20.000 auf 100.000 Einwohner ausgebaut werden soll: Die erste Perspektiven-Werkstatt der islamischen Welt hat dabei zu einem Vorrang der Nachhaltigkeit geführt, auch was den Materialeinsatz angeht.

http://www.steer-snowball.info/images/stories/logosnowball.gifNachfolger des ecocity-Projektes ist das neuere EU-Projekt Snowball gewesen: Integrierte Stadtplanung die Landnutzung und Transport von Anfang an verknüpft plant. Warum? Je 30% der Energienutzung werden für Bauen/Wohnen und für Verkehr gebraucht, 66% der Ölnutzung gehen in den Transport. Ein Konzept das diese 66% verringert ist deshalb für das Konzept der Intelligent Energy der EU von zentraler Bedeutung. 17% der Energienutzung im Verkehr sind allein auf die Anlage der Stadt zurückzuführen und daher durch die Stadtplanung einzusparen. Bei Snowball geht es also um ein nachhaltiges Mobilitätskonzept in der Stadtplanung unter dem Motto: Drive Slow – Go Fast – und damit erneut und verstärkt um eine Stadt der kurzen Wege.

Der regionale Partner für das EU-Projekt Snowball war bei uns in Deutschland die Stadt Ludwigsburg in Baden-Württemberg. Warum Snowball?

Im Rahmen von Snowball tauschen mehrere europäische Städte ihre Erfahrungen mit integrierter Stadt- und Verkehrsplanung aus. Untersuchungsgebiet in Ludwigsburg ist die sogenannte „Entwicklungsachse Innenstadt“ vom Schillerdurchlass bis zur Wilhelmgalerie. Die wesentlichen Erkenntnis des Projekt werden nach dem „Scheeballprinzip“ an weitere Städte weitergegeben. (Quelle)”

Das Ludwigsburger Konzept war eingebettet in das dreijähjrige EU-Projekt Managing Urban Europe – siehe MUE25.net – zum Kommunalen Nachhaltigkeitsmanagement. Zur Weitergabe der Erfahrungen aus dem Snowballprojekt gab es vor sechs Wochen eine Konferenz in Ludwigsburg unter dem Titel: “Energy-Smart Urban Design“. Das Programm ist hier, ein Bericht des beteiligten Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ADFC seit drei Wochen hier zu finden. [ Die auch von Eble verwendeten Ludwigsburg-Folien zum Download. ]

Ein Beispiel ist Gevelsberg, wo die Mittelstrasse, die Altstadt und Rathaus verbindet, zum SharedSpace gemacht wurde: Bordsteine und Randmarkierungen wurden entfernt, Autos, Fahrradfahrer und Fußgänger teilen sich die Strasse – und neben einer deutlichen Belebung der Innenstadt ist zugleich die Unfallrate hier deutlich zurückgegangen. Als Muster für die DSGF-Politik (Driving Slowly – Goes Faster) ist Hilversum genannt worden. Hier wurden in einer zentralen Strasse die beiden Fahrbahnen mit einem breiten begehbaren Grünstreifen getrennt, Fußgänger können an jeder Stelle kreuzen, dafür sind bei einer Höchstgeschwindigkeit von 35 kmh die Fußgängerampeln abgeschafft worden, was hervorragend funktioniert und durch die Vermeidung der Ampelstarts und -stopps auch für die Autofahrer benzinsparender ist.

Der nächste Punkt ist die Stadt als Energieerzeuger statt, wie bisher meist, als Energieverbraucher. Das Musterbesipiel hier ist Energetica Aberdeen. Das Aberdeen City and Shire Economic Forum (ACSEF) verfolgte dabei den Ansatz, die heutige Führungsposition der Stadt und Region im Bereich Energie, heute mit Öl und Gas, auch im postfossilen Zeitalter zu sichern (The Herald-Artikel). Ein grüner Entwicklungsplan für die schottische Wirtschaft, nicht aus Naturseeligkeit sondern aus wirtschaftlichem Weitblick. Ein 30km Streifen zwischen Aberdeen und Petershead wird unter dem Stichwort “Carbon Zero Development” genutzt für die Entwicklung und Erprobung aller erneuerbaren Technologien, von Erdwärme über Wellen- und Gezeitenkraftwerke bis zu neuen Ansätzen der Photovoltaik, von Biogas und Pellets bis zu Offshore-Windanlagen.

[ Präsentation von Energetica Aberdeen mit Bezug auf andere Pilotprojekte wie Masdar ]

Anwohner sind gegen das ÖZP Interessant ist auch der Ansatz des ÖZP Pfaffenhofen in Bayern, ausgehend von einem bekannten Naturhof (Kramerbräuhof) und Holzenergielieferanten mit einem Blockheizkraftwerk (BHKW) ein Stadtviertel mit einem ökologischen Wohngebiet und einem ökologischen Industriegebiet so zu entwickeln, dass es auch drain-free, also Abwasser-frei, wird. Die Landschaft zwischen den Siedlungen und um sie herum wird für biologischen Landbau genutzt. Auch hier ist die Bürgerbeteiligung für das Gelingen entscheidend, wie der Donaukurier berichtet, der Bedenken der Nachbarn dieser Siedlungen was die Verkehrszuleitung angeht darstellte. (Siehe Bild rechts)

Weiteres genanntes Beispiele für ecocity Projekte war das noch vor der britischen Wirtschaftskrise geplante Graylingwell in Chichester, Carbon-Zero Development. Neben öffentlichen Planungstreffen gibt es hier als Kommunikationsinstrument eine eigene Zeitung die über die Planungen und deren Umsetzung berichtet. [ Deutsche Projekt-Webseite der beteiligten Architekten Von Zadow GmbH ]

Dass es nicht nur auf den Energieverbrauch nach dem Bauen geht, sondern auch auf die Baustoffe und Bauweisen ankommt, erläuterte Eble zum Schluß: Auch die Baustoffe sollen gesund und nachhaltig sein, das heißt soweit möglich auch ölfrei, um langfristig taugliche Modelle auch in der postfossilen Gesellschaft zu sein. Wesentliche Eckpunkte sind dabei die DIN / EN 15251 über Innenraumqualitäten was gesundes Bauen angeht, sowie dass die Baustoffe REACh-konform sind, also der neuen EU-Chemikalienrichtlinie (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals) entsprechen, nach der viele giftige Substanzen in der Verwendung endlich verboten wurden. [ Hintergrund: Kampagnenmateriel zu REACh von Hiltrud Breyer aus der Europagruppe Die Grünen im Europäischen Parlament ] Man hätte sich durchaus eine wesentlich strengere Richtlinie wünschen können (Stichwort “REACH UP”), wie das neben den Grünen auch die Linke im Europaparlament tat, aber aus Sicht eines ökologischen Architekten ist auch das schliesslich verabschiedete Paket ein großer Fortschritt.

Deutsches Gütesiegek Nachhaltiges Bauen

Darüber hinaus gibt es für das Bauen die DGNB-Zertifizierung der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen

Da sich der Bausektor in Richtung Klimaschutz bewegen wird, stehen Veränderungen bei Sanierung und Neubau an; es kommt zu einer Belebung der Bautätigkeit bei qualitativ hochwertigen Objekten. Das Zertifikat der DGNB kann diese hohe Gebäudequalität für alle Beteiligten detailliert und nachvollziehbar ausweisen. (…) Im Rahmen der Zertifizierung müssen grundlegende Ziele erreicht werden – etwa bei Energieeinsparung und Raumluftqualität –, der Weg dahin ist jedoch offen. Zu den Besonderheiten des DGNB-Systems gehört, dass es auf dem Lebenszyklusgedanken aufbaut und neben den ökologischen Aspekten des „green building“ auch ökonomische und sozio-kulturelle Themen einbezieht – und damit alle drei Säulen der Nachhaltigkeit gleichermaßen anspricht. ” (Quelle)

Green Deal for Greener Cities - 4th European Green local councillors meeting

Wer sich für dieses Thema so interessiert dass sie diesen Artikel soweit gelesen hat, sollte sich unbedingt den kommenden April vormerken: Vom 17. bis 19. April gibt es unter der Überschrift “Green Deal for Greener Cities” das 4. European Local Councillors Meeting.

Die Fraktion Die Grünen/EFA im Europäischen Parlament veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Europäischen Grünen Partei und Bündnis 90/Die Grünen den 4. Europäischen Grünen Kommunalpolitischen Kongress.

Die Veranstaltung ist öffentlich und findet in Stuttgart (Haus der Wirtschaft), Deutschland vom 17. bis 19. April 2009 statt. Simultandolmetschung in Englisch, Französisch, Deutsch und Italienisch vorhanden.

Empfehlen möchte ich auch den Bericht vom 3. Europäischen Kommunalpolitischen Kongress in Barcelona 2006, der unter dem Titel “Greening the Streets” hier als englisches PDF herunterladbar ist.

Green Deal for Greener Cities - DE

2 Kommentare zu “Peak Oil und die Europäische Stadt der Zukunft – ecocity2009”

  1. Monika schreibt:

    “80% der EU-Bevölkerung leben in Städten, das trifft weltweit auf 50% der gesamten Menschheit zu.”

    Kaum ist das eine Überraschung für jemanden! Die Frage ist “Wird diese Stadteinwohnerzahl noch größer sein?”

  2. WGW schreibt:

    Die Stadteinwohnerzahl wird noch wachsen, weil Städte auf Dauer in vielen Regionen nicht nur als einzige das Kapital sondern auch vornehmlich die Ressourcen und Infrastrukturen der Verteilung haben werden die für die Weltbevölkerung nötig sind – gerade nach Peak Oil.

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