Buchmesse-Nachlese 2: Türkei

Türkei Wohin?: Gespräche mit Feridun Zaimoglu, Fatih Akin, Hrant Dink, Ahmed Altan u.aDie Türkei war dieses Jahr das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Kein Wunder also, dass das Thema Türkei auch ein inhaltlicher Schwerpunkt dieser Buchmesse war, neben dem Thema Digitalisierung und eBooks und dem Dauerbrenner-Thema Bildung.

Ein begehrter Gesprächspartner war dabei der designierte Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, der mir bei der Gelegenheit sein neues bei Beltz&Gelberg erschienenes Buch “Die Türkei – Politik, Religion, Kultur” signierte. Auf dem “Blauen Sofa” der 2DF-Sendung ‘aspekte’ erklärte er kurz das türkische Bildungssystem: “Wer das türkische Bildungssystem durchlaufen hat und nicht schizophren wurde, der hat nicht richtig aufgepasst.” Zu gross, so Özdemir, seien die ständigen Bedrohungen denen die Türkei von allen Seiten und zu allen Zeiten dem Unterricht zufolge ausgesetzt sei, zu gross der Druck der mit dieser Angst gemacht werde. Die Türkei: Politik, Religion, Kultur

Dabei war ich zum Beispiel bei einer Diskussion der SPD-eigenen Monats-Zeitung Vorwärts (die ich einst als es noch eine Wochenzeitung war wegen der Abo-Prämie – Rededuelle Wehner-Strauss – eine Zeit lang abonniert hatte). Ihr aktueller Aufmacher: Frank-Walter Steinmeier setzt als SPD-Kanzlerkandidat auf den Sieg und erklärt wie er ihn erringen will. Ihr aktuelles Thema der Diskussion aber war: “Türkei – Wohin?” und dementsprechend war auch die Diskussion mit dem Herausgeber des gleichnamigen Buches, Halil Gülbeyaz, der Beiträge von Fatih Akin, Feridun Zaimoglu und vielen anderen versammelte, sowie mit Cem Özdemir, dessen Buch die Türkei auch jugendlichen deutscher und deutschtürkischer Herkunft nahebringen möchte. Letzteres gelingt nach Meinung einzelner KritikerInnen so gut, dass etwa seine Interviewerin auf dem “Blauen Sofa” von aspekte meinte, wenn er je mit der Politik nicht mehr weiter komme, solle er weiter schreiben: das jedenfalls könne er unübertrefflich.

Hauptthema in vielen Gesprächen, wie auch in diesem, war die EU-Mitgliedschaft, die man der Türkei einst versprochen hatte und vor der manche heute noch Angst haben. Cem Özdemir meinte dazu, die Türkei mit ihrem stolzen Nationalismus müsse von Frankreich lernen, das mit seinem Nationalismus heute unverkrampfter umgehen kann. Als Beispiel nannte er den Sprachrigorismus, der noch in den 80er Jahren in Frankreich herrschte, wo die Meinung vertreten wurde wenn man etwas nicht auf Französisch sagen könne, solle man es gar nicht sagen. Der Interviewer fragte: Andere Länder brauchen im Schnitt 3 Jahre von der Aufnahme der Verhandlungen bis zum Beitritt, die Türkei aber 50 Jahre. Geht es dabei nur um die Religion? Cem Özdemir antwortete erneut mit dem Nationalstolz auch der laizistischen Militärs. Heute, so Cem, wenn aus Brüssel etwas kritisiert oder kommentiert wird, beklagen die Natuionalisten, sich wehrend, eine “Einmischung in die Inneren Angelegenheiten der Türkei”. Aber: “Wenn sie in die EU wollen, müssen sie noch Tausend Mal damit leben, dass es immer wieder solche Einmischungen geben wird”, wann immer sie von den gemeinsam vereinbarten Regeln nämlich abweichen.

Cem Özdemir und Halil Gülbeyaz, Bild: (CC) Wettach. Image Hosted by ImageShack.us

Wie schätzt Cem Özdemir die Wahrscheinlichkeit der Vollmitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union ein? “Langfristig gesehen bin ich optimistisch, kurzfristig sehr pessimistisch”. Da die Verhandlungen über den Beitritt immer auf das Versprechen einer vollen Mitgliedschaft gerichtet waren, das also fest zugesagtes Ergebnis bei Einhaltung der Verpflichtungungen und Voraussetzungen der türkischen Seite ist, sei der Weg zu einer echten Aufnahme “alternativlos” weil es “ein Modell mit Signalwirkung ist, das nicht scheitern darf.”

Der Kopftuch-Streit, auf den auch Cem Özdemirs Buch eingeht? Cem lehnt das als Verkürzung auf ein optisches Signal ab: Wichtig sei die Autonomie der Frau, nicht die Kopftracht wenn sie diese selbst wählen kann. Was in den Köpfen sei, auch der Männer über deren Aussehen nicht geredet werde, ist wichtiger als was sich darauf befindet, oder auch nicht, zumal es nicht allein als religiöses Symbol gedeutet werden dürfe.

Halil Gülbeyaz war skeptischer: Er sei heute nicht für einen EU-Beitritt der Türkei. “Das Volk muss das Land demokratisieren, das kann nicht die EU übernehmen” und das könne auch nicht einfach für Brüssel von oben diktiert werden. Es sei aber, gestand er ein, die Aufgabe der EU im Rahmen der Beitrittsbemühungen der Türkei auf diesem Weg zu helfen.

Kann denn, so der Interviewer, die Türkei tatsächlich eines Tages Vollmitglied der Europäischen Union sein? Cem Özdemir antwortete mit kämpferischen Gegenfragen: Kann denn Italien, wo die Medien unter der Kontrolle eines einzigen Mannes sind der nicht nur die öffentliche Meinung damit manipuliert sondern auch Schattengeschäfte macht und nachträglich absichert, in der EU bleiben? Kann denn Österreich, wo es offensichtlich ein Drittel der Bevölkerung nicht nur im Stillen denkt sondern auch an der Wahlurne rechtsextremen nationalistischen Parteien die Stimmen gibt, in der EU bleiben? Kann es Bulgarien mit seiner Praxis von Recht und Gesetz und der Gefahr der Ausschaltung kritischer Geister? Auch die heutige EU wird ihren Ansprüchen nicht gerecht und misst sich selbst nicht mit dem Maß, das in westlichen Medien an die Türkei angelegt wird.
Orham Pamuk. Bild: (CC) Wettach. Image Hosted by ImageShack.us

Darüberhinaus wurde Nazim Hikmet zitiert, Orhan Pamuk befragt, ebenso wie Feridun Zaimoglu (der Kritiker der Islamkritikerinnen wie Necla Kelek, den ich schon bei der Tübinger Poetik-Dozetur (zusammen mit Ilja Trojanow) kennenlernen konnte, Renan Demirkan erzählte sehr persönlich von ihrem “Septembertee” und der unterschiedlichen Migrantenwelten des Deutschland-begeisterten Vaters und der ihm nachgezogenen Mutter… (und Ingrid Noll erzählte dass solchen frisch gebrühten Tee über die gefundenen Ehebrecher zu giessen eine nachvollziehbare Reaktion sei).

Nicht vergessen werden soll zum Thema das aktuelle Interview mit Ahmed Davutoglu mit der “Presse”: “Ohne die Türkei kann die EU kein Global Player werden.

Zum Abschluss will auch ich Nazim Hikmet (und die Wikipedia) zitieren:

Im Deutschen ist unter anderem durch Hannes Wader der letzte Vers aus einem der berühmtesten Gedichte Hikmets, Davet (Einladung) besonders bekannt geworden:

Leben einzeln und frei
wie ein Baum und dabei
brüderlich wie ein Wald,
diese Sehnsucht ist alt.

Yaşamak bir ağaç gibi
tek ve hür ve bir orman gibi
kardeşçesine,
bu hasret bizim.

Kommentar schreiben

XHTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>