Buchmesse-Nachlese 1: Petropolis

Petropolis: Die große Reise der Mailorder-Braut Sascha GoldbergPetropolis von Anya Ulinich (übersetzt von Pieke Biermann, gelesen von Jasmin Tabatabai für NichtselbstleserInnen) erinnert nicht nur im Titel an Persepolis von Marjane Satrapi, das die Autorin uns mit dem gleichnamigen Film bei der “Green Summer University” in Frankfurt/Oder und Slubice/Polen vorgestellt hatte. In beiden Fällen geht es um die Migrationsgeschichte einer der Erzählerin nahestehenden Figur aus dem Osten in den Westen, humorvoll erzählt bei aller Absurdität der zum Teil doch furchtbaren Situationen, in beiden Fällen zeichnet sich die Hauptperson durch einen Mangel an tänzerischer Anmut oder Geschicklichkeit aus, was Anya Ulinich in “Petropolis” als “die Anmut eines Elefantenbabys” beschreibt. Dennoch ist Petropolis keine Neuauflage und schon gar kein Abklatsch. Die Herkunftsländer Sibirien und Iran sind nicht vergleichbar, die Zielländer Frankreich und USA in den Augen der Erzählerinnen schon gar nicht.

Die Hauptfigur hier ist Sascha Goldberg, eine jüdische junge Frau in Sibirien die ausserdem noch afrikanische Vorfahren hat und darum für den ortsüblichen Geschmack auch noch zu dunkelhäutig ist. Als “Mailorder-Braut” aus dem Katalog geht sie nach Phoenix, Arizona in eine untragbare Ehe und von dort zu einer Familie in Chicago, die jüdische Flüchtlinge als Sammlerstücke zu sich nimmt- und von dort weiter in etwas was ein Anfang von Glück sein könnte. Auf der Buchmesse:
Petropolis: Anya Ulinich, Tabatabai, Biermann. Bild: (CC) Wettach. Image Hosted by ImageShack.us

Die Ausschnitte aus Petropolis, das Pieke Biermann übersetzt hat (links) – aus dem Englischen in dem Anya Ulinich es geschrieben hat (zweite von rechts, mit ihrer Dolmetscherin) – wurden vorgetragen von der Schauspielerin Jasmin Tabatabai (zweite von links), die auch das Hörbuch eingelesen hat. Pieke Biermann moderierte die Lesung und das Interview mit der Leserin und der Autorin, es gelang ihr aber nicht, eine besondere Verbindung von Jasmin Tabatabai mit Petropolis allein aufgrund des Migrationshintergrundes herzustellen. Meine Persepolis-Anmerkungen brachten dann wenigstens etwas mehr Verbindungungen: Das Buch das Ulinich nicht kannte bevor sie ihr Buch 2007 herausbrachte, war der Grund warum die französische Ausgabe von “Petropolis” unter anderem Titel erscheinen musste – und mit Persepolis und der ihr gut bekannten Marjane Satrapi und Persepolis kann Jasmin Tabatabei sich besser identifizieren: nicht nur ist diese wie sie selbst iranischer Herkunft, sondern Jasmin Tabatabai spricht auch die deutsche Stimme der Ich-Erzählerin im “Persepolis”-Film.

Um einen individuellen Zugang zu Migrationserleben auf humorvolle Weise zu lesen empfehle ich auch dieses Buch, erschienen bei dtv (die gekürzte Hörbuchfassung auf 5CDs erscheint in Kürze bei Der Audio Verlag), wie schon Persepolis gerne. Was das Schicksal von Mailorder-Bräuten ansonsten angeht, das wie auch hier eigentlich durchaus nicht lustig ist, empfehle ich die Kontaktaufnahme mit der hier bei uns in Tübingen sitzenden Organisation “Terre des Femmes“, die auch auf der heute endenden Frankfurter Buchmesse waren.

Terres des Femmes hat auch, thematisch direkt passend, eine laufende Aktion gegen Menschenhandel aus der Ex-Sowjetunion, das Projekt Malinowka und für Leute die stiften gehen wollen seit genau vier Jahren auch eine eigene Stiftung.

Der Buchtitel “Petropolis” bezieht sich übrigens nicht eigentlich auf die “kaiserliche Stadt” Petrópolis in Brasilien, sondern auf ein Gedicht des russisch-jüdischen Autors Ossip Mandelstam, das im Buch vorkommt.

[ Mehr ernsthaftes zum Thema Migration bei http://gruene.wettach.org ]

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