Archiv für Januar, 2013

Sexismus im Alltag – Das Private ist politisch? Der #Aufschrei gilt nicht Brüderle

Ein Gespenst geht um in Deutschland, das vor allem für junge Frauen einen realen Schrecken hat: Sexismus im Alltag und in der Politik im Besonderen. Monarchie und Alltag?

I realized quickly when I knew I should
That the world was made of this brotherhood of man
For whatever that means

Schon die “Vier Nicht-Blonden” haben ihren #Aufschrei hörbar gemacht.:

And so I wake in the morning
And I step outside
And I take a deep breath and I get real high
And I scream from the top of my lungs
What’s going on?

Jetzt ist dieser Aufschrei auch im deutschsprachigen Internet erfolgt, vor allem auf Twitter unter dem Hashtag #Aufschrei – ein Aufschrei vieler Frauen und Mädchen, begleitet von vernünftigen Blogposts einiger Männer – darunter so unterschiedliche Stimmen der Vernunft wie Lasse Becker (“Von Tittenblondinen, dummen Sprüchen und Sexismus”, Julis) und Jörg Rupp (“Bin ich auch so einer?“, Grüne). Beide sind sich einig dass Alltäglicher Sexismus in der Politik etwas Alltägliches ist und dass es schwer ist alles richtig zu machen.

Auslöser war ein Bericht von Laura Himmelreich im “Stern” über den laufenden “Herrenwitz” Rainer Brüderle als neuen FDP-Spitzenkandidat und dessen weinseligen Sexismus unangenehmer Anspielung und Annäherung. Natürlich haben viele FDP’ler ihn erstmal in Schutz genommen. Aber relativ rasch wurde klar: Es geht nicht um den “aus der Zeit gefallenen” Brüderle, der noch Anzüglichkeiten des letzten Jahrhunderts verbreitet und eine heute inakzeptable Weltvorstellung verkörpert. Das Problem ist eben nicht nur Sexismus a la Brüderle, sondern die Alltäglichkeit des Sexismus, auch in der Politik. Annett Mieritz hatte bei SPON darüber geschrieben, wie sie mit dem Sexismus von Piraten ein Problem hat und hatte. Auch wenn die Vertreter anderer Parteien rasch und gerne die Artikel über FDP und Piraten verlinkten – das Problem sitzt nicht nur in der Politik, auch wenn wissenschaftlich korrekt darauf hinzuweisen ist, dass es nicht in jedem Mann gleichermassen sitzt (Stefan Schleim kritisierte den Sexismus in der Sexismus-Debatte).

Seximus schadet allen, hat Till Westermayer geschrieben und ich unterschreibe das. Aber während ich letzthin mit Dan Bull vertreten habe, dass wir alle Aaron Swartz sind, steht nun die Frage von Lasse Becker im Raum: Sind wir alle Rainer Brüderle? Oder wie Jörg Rupp fragt: Bin ich auch so einer?

Die andere Seite: Frauen fragten sich: Sind wir alle Laura und Annett, geht es uns nicht genauso? Unter dem Hashtag #Aufschrei berichteten erst Dutzende, dann Hunderte, flankiert von Ignoranz und Ablehnung mancher und eigenen Beiträgen anderer Männer, über Sexismus im Alltag. Ein Hashtag verändert die Sexismus-Debatte, wie die SZ zusammenfasst.

Natürlich finden sich viele, die sagen, auch Männer werden belästigt – aber das ist nicht das Gleiche. Kritische Stimmen finden sich auch bei Frauen, wenn es um die Grenzen geht wo Belästigung anfängt oder wenn es etwa darum geht, dass Frauen selbst nicht zwischen sexueller Belästigung, versuchter oder erfolgter Vergewaltigung und Alltags-Sexismus unterscheiden und alles unter einem #Aufschrei zusammenfassen.  Manche meinen, Frauen müssten sich vielleicht nur organisieren und mit dem hollaback wie in Berlin, wo zum wehren und dokumentieren aufgerufen wird, sei auch schon viel zu erreichen.

Also alles machbar für die Frau von heute, die sich wehren kann? Im Artikel “nun hab dich doch nicht so” zitiert “Frau Elise” aber die Antwort von @MmeCoquelicot darauf:

Es geht nicht darum, dass ich mich nicht wehren KANN. Es geht darum, dass ich es nicht ständig müssen sollte.

Und das ist der Punkt. Wir sind noch weit von diesem satirischen Tumblr-Post zum Verhältnis von Macht bei Journalismus und Politik entfernt.

  • Anmerkung: Alex Schestag weist zurecht auf die systematische Diskriminierung anderer, etwa Behinderter, hin, die für ihn auch Grund zum Aufsachrei ist: “Noch mehr #Aufschrei”

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Erstellt am Samstag, 26. Januar 2013
Kategorie: Deutsch | 1 Kommentar »