Archiv für Juli, 2011

Oslo, Anders Behring Breivik und das Versagen der Medien

von Christian Sickendieck

Wenn sich nach dem gestrigen Tag schon ein Fazit ziehen lässt, dann folgendes: Die Medien haben epochal versagt. Als am Nachmittag die ersten schrecklichen Meldungen aus Oslo veröffentlicht wurden, dauerte es nur wenige Minuten, bis Islamisten, sogar dem gesamten Islam, die Verantwortung zugeschoben wurde.

Jedes Medium, ob TV, Online oder Print, hatte sofort einen sogenannten Experten zur Hand — selbstverständlich trug der Bombenanschlag die Handschrift von Islamisten. Aus diesen Vermutungen wurde nicht nur in den deutschen Medien, an vorderster Front trat die altehrwürdige New York Times in Erscheinung, schnell Gewissheit.

Ehrlich gesagt stehe ich ziemlich sprach– und fassungslos vor dem gestrigen Tag. Angesicht der schrecklichen Ereignisse, als auch den Medien gegenüber. Selbst als klar war, dass der Attentäter offensichtlich aus Norwegen kam, bis zur Stunde gilt er noch als Einzeltäter, schwadronierten die Medien noch über islamistischen Terror in Norwegen.

Den Vogel schossen dabei die Berichte von Bertelsmann auf RTL, Vox und n-tv ab. In den Berichten wurde kurz die bekannte Anzahl von Todesopfern erwähnt, um dann die Bilder aus dem norwegischen Regierungsviertel zu zeigen. Um dann den Spin zu drehen, so sehe es nach einem islamistischen Anschlag aus. Mir ist nicht bekannt, ob Bombenanschläge unterschiedlich aussehen können, vielleicht werden bei anderen Anschlägen Gebäude zusätzlich rosa angemalt, aber hier war die Intention eindeutig:

Bombenanschlag = Islamistischer Terror.

Im Bericht folgten wurden die Anschläge in Madrid und London verarbeitet, um dann darauf hinzuweisen, dass in Norwegen die Integration weitestgehend als erfolgreich gilt. Abschlussstatement von Bertelsmann: Stellt sich nach diesen Anschlägen, wie lange noch.

Wie bitte?

Heute kristallisiert sich heraus, dass der Attentäter islamfeindlich, konservativ, christlich-fundamentalistisch geprägt war. Er war bis 2006 Mitglied der norwegischen Fortschrittspartei, die den Pro-Parteien in Deutschland als Vorbild gilt. Der Attentäter könnte mit seinen Ansichten bis zum gestrigen Morgen durchaus smartes Mitglied der Pro-Parteien in Deutschland gewesen sein, der Partei «Die Freiheit» oder auch Redaktionsmitglied des Axel-Springer-Konzerns oder auch bei Bertelsmann.

Stellt sich die Frage, warum die Medien gehandelt haben, wie es gestern geschehen ist. Der Journalismus von heute besteht weitestgehend aus dem Prinzip Stille Post. Eine Meldung wird verbreitet, alle anderen übernehmen sie, reichern sie an, mit eigenen Vermutungen, Zitate sogenannter Experten oder Politiker aus der zweiten Reihe. Mit Journalismus hat das nichts mehr zu tun.

Eine weitere Erkenntnis trifft das jeweilige Community-Management der etablierten Medien. Das BILDblog beispielsweise lässt aus gutem Grund keine Kommentare zu — Erfahrung macht klug. Wer in die dunkle Seele des (deutschen) Michels schauen möchte, sollte einmal nur, nicht nur heute beim Thema Oslo, in den Kommentarspalten der Medien zu schauen.

Offener Rassismus ist alltäglich, nicht nur linksgrünfaschistische Politiker werden täglich beleidigt, Bedrohungen werden (noch) in der Regel gelöscht. Die Springer’sche «Welt» muss immer häufiger die Kommentare unter den eigenen Artikel schließen. Es sind die Geister, die der Axel-Springer-Konzern gerufen hat. Zeig mir Deine Freunde, und ich sage Dir, wer Du bist.

Die etablierten Medien haben es in den letzten Jahren zugelassen, dass der Pöbel und insbesondere die Kommentatoren der rechten Foren und rechtsradikalen Blogs wie «Politically Incorrect» die Herrschaft in den Kommentaren übernommen haben. Das Versagen der Medien zieht sich also von den Verlagen herab in den Redaktionsstuben bis runter ins Community Management.

Stellt sich die Frage, ob dies politisch von den Herausgebern gewollt ist, oder ob dieser Prozess schleichend geschehen ist. Wer täglich bei 95% aller Kommentaren auf der eigenen Seite, von den eigenen Lesern, zu hören bekommt, der Moslem sei schuld, übernimmt irgendwann wie selbstverständlich diese Meinung in die nächste Schlagzeile.

Der gestrige Tag war eine Bedrohung für die öffentliche Ordnung, weltweit. Diese Bedrohung ging aber nicht vom Attentäter Anders Behring Breivik aus. Die Medien haben nicht nur versagt, es war eine journalistische Bankrotterklärung. Mir persönlich bleibt ja immer die Hoffnung:

Der Mensch mag blind sein, er kann aber im Dunkeln sehen.

Das Ansehen von Journalisten liegt ungefähr im Bereich von Werbern und Bankern. Vielleicht sollten einige Damen und Herren den schrecklichen gestrigen Tag einmal zum Anlass nehmen über sich selbst und die eigene Zunft nachzudenken. Nicht eine Tagesschau-App ist schuld, wenn Zeitungen sterben. Die Menschen möchten einfach wieder gute journalistische Texte lesen, keine Kampagnen und schon gar nicht rassistischen Dreck. Es sei denn, man möchte weiterhin Doppelpass mit rechtsradikalen Blogs und Foren spielen.

Journalismus bedeutet große Verantwortung.

Es ist an der Zeit, sich wieder an die Werte zu erinnern, die sich auch in unserem Grundgesetz wiederfinden. Sollte dies nicht geschehen, ist es um keine Zeitung, um kein Magazin schade, welches eingestellt wird. Im Gegenteil. Es wäre ein großer demokratischer Fortschritt.

[ Die Inhalte dieses Artikels sind - soweit nicht anders angegeben (Grafiken z. B.) - unter dieser Creative Commons-Lizenz lizensiert und von mir von hier übernommen. ]

Siehe auch:

Erstellt am Montag, 25. Juli 2011
Kategorie: Deutsch, Internationales | 1 Kommentar »

Barbara Lochbihler MdEP zur Umsetzung der EU-Strategie für den Donauraum Schluss mit widersprüchlichen Zielsetzungen: die Natur muss in den Vordergrund rücken!

Vor kurzem billigte der Europäische Rat der Staats- und Regierungschefs die EU-Strategie für den Donauraum. Ich dokuentiere, was Barbara Lochbihler, Mitglied der GRÜNEN/EFA-Fraktion im Europäischen Parlament, anlässlich des Internationalen Donautags am 29. Juni sagte:

Mit der Billigung durch den Europäischen Rat beginnt nun die Umsetzungsphase der EU-Donaustrategie. Prinzipiell ist dieser Schritt von der theoretischen Beratung zur praktischen Implementierung natürlich zu begrüßen. Die Donaustrategie ist ein ambitioniertes Projekt. Dass sie grenzüberschreitend Wohlstand, Mobilität und Umweltschutz miteinander vereinbaren will, macht sie besonders vielversprechend.

Aber in eben dieser Vielseitigkeit liegt auch die Crux. So ist es weiterhin völlig unklar, wie im Konkreten das Ziel eines gesteigerten Frachtverkehrs mit den geplanten Umweltschutzmaßnahmen vereint werden kann. Wie soll der Frachttransport bis 2020 um 20 Prozent gesteigert werden, ohne der Natur zu schaden? Welche Begradigungs- und Vertiefungsprojekte werden nun umgesetzt, und wie soll eine Beeinträchtigung des einmaligen Donau-Ökosystems verhindert werden? Obwohl ich wiederholt nachgehakt habe, waren weder Rat noch Kommission bislang in der Lage oder gewillt, auf diese Fragen konkrete Antworten zu liefern.

Vor allem die für “Mobilität und Verkehr” verantwortlichen Länder Österreich und Rumänien müssen dafür sorgen, dass die Natur in den Vordergrund rückt. Anstatt den Fluss den Schiffen anzupassen, müssen wir die Schiffe an den Fluss angleichen. Außerdem sollten in der gesamten Umsetzungsphase, wie von der Strategie vorgesehen, lokale Initiativen auch tatsächlich eingebunden werden. Ebenso wird sich erst noch zeigen müssen, ob der angekündigte Kampf gegen die Diskriminierung von Minderheiten, allen voran den Roma, auch konsequent angegangen wird.

Wenn wir die Strategie nach diesen Kriterien entwickeln, kann sie zu einem Vorbild grenzüberschreitender Kooperation werden, in dem moderne Technologie und menschenrechtsbasierte Politik gewinnbringend den Interessen von Mensch und Natur dienen. Dies ist eine großartige Chance, die die EU und Mitgliedstaaten unbedingt nutzen sollten.

Erstellt am Mittwoch, 13. Juli 2011
Kategorie: Donaustrategie, Europa, Internationales, Umwelt, Verkehr | Kommentieren »

Chancen und Perspektiven der EU-Donaustrategie

“Die EU-Strategie für den Donauraum ist Erfolg versprechend für Baden-Württemberg. Sie bietet uns Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten, die es zu ergreifen gilt“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann anlässlich der Auftaktveranstaltung „Die EU-Donauraumstrategie – Chancen und Perspektiven“ am Montag (11. Juli 2011) in Stuttgart.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hält am Montag (11.07.2011) im Haus der Wirtschaft in Stuttgart eine Rede

Die EU-Strategie für den Donauraum ermögliche Baden-Württemberg die einmalige Gelegenheit, Wirtschaftswachstum und Umweltschutz in gleicher Weise voranzutreiben, unterstrich Kretschmann. Sie fördere den Ausbau der Verkehrswege und so die Verbesserung der Infrastruktur. Einen Mehrwert liefere die Kooperation mit den Donauanrainerstaaten zudem in Forschung und Wissenschaft. Aber auch die Verbesserung von Bildungsangeboten sowie die Stärkung der Zivilgesellschaft sollen vorangetrieben werden. „Ich bin sehr optimistisch, dass wir viele Projekte anstoßen und umsetzen werden, von denen die Menschen im Donauraum unmittelbar profitieren“, so der Ministerpräsident.

„Die Donau steht heute wie kein anderer Fluss als Symbol für das weitere Zusammenwachsen Europas“, betonte Ministerpräsident Kretschmann. „Die Donau gehört in jedem Anrainerstaat auf unterschiedliche Weise zur nationalen Identität, aber vor allem auch zu unserer gemeinsamen europäischen Identität. Mit der EU-Donauraumstrategie sind daher große Hoffnungen verbunden, Hoffnungen für ganz Europa.“

Baden-Württemberg nannte Kretschmann ein “Land zwischen Rhein und Donau, in der Mitte Europas. Dem wollen wir gerecht werden, über die Wirtschaft hinaus”.

Europas Wirtschaft muss grün werden

“Europas Wirtschaft muss grün werden”, erklärte der rumänische Vize-Außenminister Dr. Doru Costea. Weiterlesen »

Erstellt am Montag, 11. Juli 2011
Kategorie: Bildung, Donaustrategie, Energie, Europa, GrüneBW, Internationales, Termine, Umwelt, WikiNews | Kommentieren »