Archiv für Dezember, 2008

Aktivismus klassischer Art: (2) Die Demonstration / Rückblick auf 2008

Heute ist Sylvester – Zeit für einen Jahresrückblick, der allzu beschaulich nicht werden muss, zumal andere für ihre Bereiche einen solchen Jahresrückblick schon gemacht haben, etwa Netzpolitik.org zum ganzen Thema Digitale Rechte, Überwachung und Stasi 2.0, oder Lukas von CoffeeAnTV, den ich bei der BDK in Erfurt kennengelernt habe, zum Thema Musik. Die Karrierebibel bleibt in der Blogschokolade selbstreferenziell und sortiert Einträge thematisch, Elisabeth Wirth macht einen Rückblicksversuch im taz.blog und das BlickLog fasst dankenswerterweise ein Liste sonstiger lesenswerter Jahresrückblicke der traditionellen Medien zusammen.

Ich möchte also meine Vorstellung der Demonstration als “Aktivismus Klassischer Art” mit einem subjektiven Rückblick auf das Demonstrationsjahr 2008 verbinden.

Demonstration? Eine Form der Meinungsäußerung, die auf verschiedenste Weise kundgetan wird, schreibt Wiktionary und bringt als Beispiel: “Die Ostermärsche waren Demonstrationen für den Frieden.” Dafür bin ich aber zu jung, auch wenn es die theoretisch immernoch gibt.

Anti-AKW Demonstration im Bonner Hofgarten. Quelle: Wikimedia Fangen wir also da a, wo ich mit Demonstrationen angefangen habe: Bei der Anti-AKW-Demonstration wegen des geplanten Atommüllzentrums (Neusprech: “Entsorgungspark”) in Gorleben im Wendland, bundesweit mit etwa 100.000 Teilnehmenden in Hannover und dann im Herbst mit meiner Teilnahme in Bonn auf dem damals üblichen Aufmarschplatz für Großdemonstrationen, dem Hofgarten. Als ich 16 war, war nämlich Bonn noch das Bundeshauptdorf.Anders als das aus der Wikipedia entnommene Bild suggeriert waren Demonstrationen damals nicht schwarz-weiss sondern durchaus bunt und lebendig und, den Jüngeren sei es gesagt, es wurde damals bei Deomonstrationen auch mehr gesungen, Texte und Melodien gingen in der Komplexität über “He-Ho, leistet Widerstand” durchaus hinaus. Einen weiteren Höhepunkt erreichten die bundesweiten und meine persönlichen Demonstrationen bei denen gegen den von Helmut Schmidt verfochtenen NATO-Doppelbeschluß. Die Friedensbewegung war massiv tätig, vom Reagan-Besuch über die Demonstration mit fast 500.000 Menschen in Bonn bis zur Menschenkette von Stuttgart nach Neu-Ulm mit etwa 400.000 Menschen, die dieses Jahr ihr 25jähriges Jubiläum hatte, woran unter anderem die DFG-VK mit Aktionen erinnerte. Und ich war dabei.

Auch heute kann eine Demonstration noch Wirkung entfalten, wie nicht nur die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm letztes Jahr gezeigt haben. Es gab auch dieses Jahr einige Demonstrationen für wichtige Themen, die durchaus zur Kenntnis genommen wurden. Umso wichtiger ist der Einsatz für die Versammlungsfreiheit, den auch wir Grünen in Baden-Württemberg leisten.

Im Januar begann das Demonstrationsjahr für mich mit 75 Jahren Machtübergabe an die Nationalsozialisten, einer Demonstration mit der Veinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN/BdA an der Gedenkstätte am Alten Schloss in Stuttgart, vor der Gedenkstätte der damals noch überzeugten Stauffenbergs.

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Im Februar und März habe ich viel gemacht, Kongresse über den Demographischen Wandel im Europaparlament in Brüssel oder über die Notwendigkeit besserer Bildung ohne die Hauptsschulen mit der Handwerkskammer im Haus der Wirtschaft in Stuttgart, aber an keinen Demonstrationen teilgenommen. Im April gab es die große landesweite Demonstration von “Schule mit Zukunft”, an der ich als Vorsitzender des Landeselternrates LER teilgenommen habe, mit den Grünen MdLs Ilka Neuenhaus und Brigitte Lösch und mit der SPD-Landesvorsitzenden Ute Vogt.

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Einige der attacis bei der 1.Mai-Demo. Bild: (c) attac.fr Im Mai war ich mit der bundesweiten EU-AG von Attac als Teilnehmer und Konferenzdolmetscher beim Attac Base Treffen europäischer Attac-Basisgruppen in Berlin, das auch an den Demonstrationen zum 1.Mai teilnahm (während die in Hamburg dieses Jahr ins gewalt(tät)ige ausuferten. In der Nacht auf den Mai war ich bei der Bürgerdemonstration gegen den Rechtsextremismus der Burschenschaften und Verbindungen, deren traditionelles Tübinger “Maisingen” am Abend des 30.04. von der Polizei geschützt regelmässig auf den Protest der Tübinger BürgerInnen stößt. Auf 60 Jahre Israel und 60 Jahre Nakba, Vertreibung, Besetzung und Unterdrückung folgte der Jahrestag der Befreiung vom Nationalösozialismus, der 08.Mai mit 25 Jahren “Gesellschaft Kultur des Friedens”.Der BuKo der Grünen Jugend in Bonn mit Aktion zur Biodiversität und gegen Patente auf Leben wurde gefolgt von der Großen bundesweiten Demonstration Freiheit Statt Angst bei der Grüne in verschiedenen Städten redeten, ich war bei der Aktion auf dem RACT! Festival dabei.

Fans near Hauptwache. Bild CC: Travel Aficionado/FlickR

Im Juni gab es viele Diskussionen rund um Europa, den Landesausschuss (kleiner Parteitag) der Grünen in Filderstadt, die Türken in Deutschland demonstrierten friedlich ihre Fußballfreude bis sie, ebenso friedlich, in der Europameisterschaft an der deutschen Mannschaft scheiterten. Umweltminister Sigmar Gabriel von der SPD wachte auf was die Asse angeht. Der Juli war ein Konferenzmonat, der unter anderem meine Vorträge beim Fachtag für bessere Rahmenbedingungen in der vorschulischen Bildung in Stuttgart (Gründung des KITA-Bündnis) und beim 3. Deutschen Antidiskriminierungstag in Bonn sah. Mich beschäftigte ausserdem das Finale des Münchener Businessplan-Wettbewerbs MBPW.

Der August war der Monat der Sommeruniversitäten, angefangen mit der 1. European Summer University von Attac in der Europa-Universität Saarbrücken. Als Aufreger folgten der neue Atomunfall im AKW Tricastin und der Kaukasus-Krieg zwischen Russland und Georgien um Südossetien und der Dauerbrenner des Jahres, die Überwachung, der Datenschutz, die Wanzen. Den Abschluss des Monats machte, auch mit diesen Themen, die European Green Summer University in Frankfurt/Oder und Slubice/Polen, unter anderem mit einer demonstrativen Grenzüberschreitung die auch die Kluft zwischen alten und jungen TeilnehmerInnen überwinden sollte.

Anfang September wurde für den Herbst geplant: Demonstrationen und Aktionen aller Art bereitete ich vor als einziger durchgängig anwesender Grüner bei der Herbstkonferenz der Anti-AKW-Bewegung in Braunschweig. Kurz darauf gab es eine grüne Kundgebung gegen “grüne Gentechnik” bei Heidelberg. während der Demonstrationshöhepunkt im September die Bundesweite Demonstration für den Frieden in Afghanistan, in Berlin und Stuttgart, war, bei der ich die Fahne der Grünen hochhielt. Der Grüne Wahlkampfhöhepunkt der Landtagswahl in Bayern war eine Kundgebung auf dem Marienplatz in München, mit Sepp Daxenberger und Theresa Schopper, mit Claudia Roth und Jürgen Trittin, und der von mir genutzten Gelegenheit mit diesen und anderen zu reden. Die Wahlparty war dann auch fein, aber keine Demonstration mehr.

Grüne Friedensinitiative bei Afghanistan-Demo

Im Oktober gab es nach der Berliner Konferenz “Greening the Economy” zur Grünen Marktwirtschaft in Europa und den USA, die größte Demonstration für Datenschutz in Deutschland, “Freiheit statt Angst”, und zugleich die LDK der Landesgrünen in Baden-Württemberg, bei der ich meine erste Vorstellungs- und Europarede hielt und bei der wir für grosse grüne Beteiligung an der Anti-AKW Demonstration in Gorleben warben.

Im November dann nach der USA-Wahl von Barack Obama als Demonstrationshöhepunkt die Demo in Gorleben, mit überhaus reichhaltiger Grüner Beteiligung, an der Demonstration, in meinem Falle mit dem BaWü-Grünen Megaphon und Claudia Roths GJ-Demofibel auch an Sprechchören und Demogesängen, bei vielen Grünen auch an der Blockade des Lagers. Der Bundesparteitag, die BDK in Erfurt, war ein weiterer Höhepunkt, von dem auch eingeladene Gastblogger berichtet haben, so z.B. coffeeandtv oder das pottblog.

Im Dezember schliesslich war ich bei einer Kundgebung zum Thema 60 Jahre Menschenrechte und anschliessend einer Diskussion zum Thema Migration mit den Grünen MdBs Winne Hermann und Josef Winkler und habe den 90. Geburtstag von Helmut Schmidt genutzt, um ausgiebig auf viele Jahre, nicht nur dieses, zurückzuschauen. Viele Demonstrationen mit Grüner Präsenz, zumindest in meiner Person. ((Bilder werden im Update noch hinzugefügt))

Vergleiche auch:

Erstellt am Mittwoch, 31. Dezember 2008
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Waffenstillstand Jetzt!

Mit Claudia Roth im Hamburger Wahlkampf Februar 2008

Zur Eskalation des Konflikts zwischen Israel und der Hamas erklärt
Claudia Roth, Bundesvorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
(rechts im Bild mit mir beim Wahlkampfhöhepunkt in Hamburg, Februar 2008):

Die Gewalt im Gazastreifen und in Israel erfüllt uns mit großer Sorge.
Die israelische und die palästinensische Zivilbevölkerung leidet unter einem immer stärker eskalierenden Konflikt.

Die Hamas hat mit ihren gezielten Angriffen auf den Süden Israels diese neuerliche Eskalation in unverantwortlicher Weise provoziert. Israel hat die Aufgabe, seine eigene Bevölkerung vor den Attacken der Hamas zu schützen. Doch mit ihren unverhältnismäßigen militärischen Aktionen im Gazastreifen, die zu zahlreichen zivilen Opfern führen, erzeugt sie eine neue Welle der Gegengewalt. Dabei gibt es für den israelisch-palästinensischen Konflikt keine militärische Lösung.

Die internationale Gemeinschaft ist dringend gefordert, weiterhin nachdrücklich auf die Konfliktparteien einzuwirken, damit es zu einem unverzüglichen Waffenstillstand kommt. Die Kampfhandlungen auf beiden Seiten müssen beendet werden, stattdessen müssen Verhandlungen über einen erneuten Waffenstillstand, über eine inner-palästinensische Versöhnung und konkrete Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit, der Nothilfe und der Versorgung der Bevölkerungen auf beiden Seiten vorangetrieben werden.

Eine Strategie für die Zukunft sowohl für Israel wie für die palästinensischen Gebiete kann nur die Erreichung der Zwei-Staaten-Lösung und die Verbesserung der Lebensumstände der Bevölkerung im Gazastreifen sein. Nur so sind langfristig die Aggressionen der Hamas zu stoppen.

Für Internetaktivismus gibt es bereits eine Gruppe bei Facebook: Stoppt den Krieg im Nahen Osten! Wesentlich größer naturgemäss die englischsprachige Gruppe: Peace in the Middle-East.

Für MySpace-Nutzer gibt auch Möglichkeiten, aktiv zu werden und neue Kontakte hinzuzufügen mit denen man sich dazu austauscht. Von den 315 Gruppen und Initiativen in meinem MySpace-Netzwerk (gegenüber 235 vor drei Monaten ein guter Zuwachs) empfehle ich folgende:

Erstellt am Dienstag, 30. Dezember 2008
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Weihnachtsgedanken eines Grünen

12400 - Weihnachten - Christbaumkugel - Christmas bauble (Potsdamer Platz, Berlin) by loupiote (Old Skool)Nachdem die Weihnachtszeit für manche schon früh begonnen hat, mit den Spekulatius und Lebkuchen im Supermarkt oder mit dem ersten Weihnachtssong im Radio, ist nach dem Morgen auch der Heilige Abend -und damit auch der auf den 90.Geburtstag von Helmut Schmidt folgende 80.Geburtstag von Manfred Rommel- schon vorbei, für viele wohl wie erwartet, für manche eher anders als geplant. Manche haben sich die eigenen Wünsche erfüllt oder von anderen erfüllt bekommen, ich selbst habe einzelne von meinen vielen Wünschen erfüllt bekommen und darf noch 1-2 aus der Versandwunschliste beim örtlichen Händler meines Vertrauens selbst besorgen. Manche denken noch über eine Geschenktauschbörse nach, während andere ihre Geschenke längst bei Kijiji online stellen.

Für manche ist das eigene Leben das schönste Geschenk (etwa für die nach drei Tagen aus dem Schnee ausgegrabene Kanadierin), manche bemühen sich um das Leben anderer, wenn auch nicht immer mit Erfolg, wie Pierre Wettach, Delegationsleiter vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (ICRC) für Israel und die besetzten Gebiete, bedauert, das sich noch immer vergeblich um Kontakt zu dem gefangenen isralischen Soldaten Gilad Schalit bemüht, der seit über 900 Tagen gefangen ist und für dessen Kontakt zum Roten Kreuz sich jetzt britische Parlamentarier eingesetzt haben: die Konservativen Alistair Burt, James Arbuthnot, Andrew Gwynne (Labour) und Sir Alan Beith (LibDem). Israel plantunterdessen mal wieder Angriffe auf Gaza und verlangt einen gewaltsamen Regimewechsel gegen Hamas, was die Arbeit des Roten Kreuzes nicht erleichtern und den Frieden nicht bringen wird.

Weihnachten wird also nicht nur unterschiedlich gefeiert, sondern auch sehr unterschiedlich erlebt. Während die WELT Kompakt einen launigen Weihnachtsgruß in die Welt gesetzt hat (via), sind andere Nachrichten zum Fest nicht so lustig: Einbrecher waren in der Euregio unterwegs, es gibt Familiendramen auch tödlicher Art und in Afghanistan gab es zum Heiligabend zwei Anschläge auf die Bundeswehr, wo Frieden also auch ein frommer Wunsch bleibt.

Weihnachten -  Volkswagenwerk -  Autostadt - Wolfsburg - Germany (CC) by Ela2007

Wie also sollen wir in diesen Tagen handeln? Es gibt Weihnachts- und Neujahrsbotschaften und Jahresrückblicke gerade genug. Vielleicht passt auf dieses Jahr das bei Ossietzky gefundene Wort von Kurt Tucholsky:

Kaufen, was einem die Kartelle vorwerfen; lesen, was einem die Zensoren erlauben; glauben, was einem die Kirche und Partei gebieten. Beinkleider werden zur Zeit mittelweit getragen. Freiheit gar nicht.

Und die Religionen und die Freiheit und die Toleranz? Bischof Huber wird dafür kritisiert dass er Herrn Ackermann kritisiert hat, während zwischen Schall und Rauch eine alternative Weihnachtsbotschaft des britischen Senders Channel4 wiedergegeben wird, die bei manchen die ich gar nicht verlinken mag zu Wutausbrüchen gegen die freie Rede führt. Von diesem Papst, den ich trotz seiner Bemühungen um Klimaschutz für eine schlechte Wahl halte, und seinen Auswürfen gegen Homosexuelle will ich gar nichts sagen, dieser Mann verbiete sich selbst. Selbst die katholische Kirche besteht zum Glück nicht nur aus ihm. Robert Zollitsch, der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, bietet “mehr als Kritik am kühlen, unmenschlichen Finanzgebaren mancher Banker oder dem unmoralischen, weil gierigen Wirtschaften einiger Manager“, fordert nämlich auch noch Solidarität mit den Armen, durchaus denen bei uns vor der Tür. Da bin ich dabei, nicht nur wenn mir wieder ein Verkäufer (meist sind es Männer) eine gut gemachte “Trottwar”Zeitung anbietet. Wir Grünen sind dafür, Gerechtigkeit zu schaffen und der soziale Spaltung entgegen zu wirken.

Wir sind aber auch für eine gerechtere Gestaltung der Globalisierung und für das Frieden schaffen. (Und wenn jetzt jemand sagt die Grünen heute seien für “Frieden Schaffen mit immer weniger Waffen” dann weise ich darauf hin dass das ein Zitat von Altkanzler Kohl aus der Debatte um die von uns Grünen bekämpfte Nachrüstung ist. Floskeln bringen es nicht immer, das gilt meines Erachtens auch für die gebetsmühlenhaft wiederholte Formel vom “Green New Deal”, auch wenn ich den inhaltlich durchaus befürworte. Um es mit meinen eigenen Worten zu sagen:

Was wir für eine Überwindung der sozialen Spaltung und für mehr Frieden und Gerechtigkeit in der Welt in Zeiten der Globalisierung brauchen ist Grüne Kraft für Europa.

Dafür setze auch ich persönlich mich in diesem und in den nächsten Jahren ein. Und die “Gute Nachricht” im nächsten Jahr ist hoffentlich ein grünes Wahlergebnis nach dem anderen, mit Hessen und Tarek Al-Wazir angefangen. Dafür bitte ich um Eure Unterstützung.

Euer und Ihr Wolfgang G. Wettach

Erstellt am Freitag, 26. Dezember 2008
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Frohe Weihnachten all denen die dieses Fest begehen

Weihnachtskerze am Weihnachtsbaum, von Wikimedia Commons… und was ich mir zu Weihnachten und dem Jahresmotto von “Brot für die Welt” als Mitglied der “LAG Internationales” der Grünen BadenWürttemberg so denke: findet sich dann an den eigentlichen Weihnachtstagen in diesem Blog.

Erstellt am Mittwoch, 24. Dezember 2008
Kategorie: Deutsch, Kurzmeldung | 2 Kommentare »

Zum 90. Geburtstag von Helmut Schmidt: Die SPD, die Grünen, Schmidt und ich.

Heute also ist (oder besser war, der Tag ist ja fast vorbei) der 90. Geburtstag von Helmut Schmidt, Bundeskanzler a.D. und Dr. h.c. mult., wie der Hamburger Klaus Lübke schreibt. Rechts ein Bild aus dem Bundesarchiv in den Wikimedia Commons, das ihn als Bundeskanzler im Amt zeigt, im Jahr 1976. Ich erinnere mich zwar nicht an das Bild, aber sehr gut an mein erstes Treffen mit Helmut Schmidt. Diesen Mann ehrt mit einem Glückwunsch nicht nur die Klimaschnecke und Bundeskanzlerin Angela Merkel sondern auch angefangen mit Jens vom Pottblog (den ich bei der BDK in Erfurt kennenlernen konnte) viele Blogger, etwa Julian Reydt, Stoibaer, die P2News, der Semsakrebsler, noch positiver Peter Roskothen oder die Tratschliese, haben gratuliert. Von der Presse ist der Vorwärts, den ich einst regelmässig gelesen habe, natürlich euphorischer als etwa die Junge Welt, die noch letzte Woche beim 95. Geburtstag von Willy Brandt, auch ein grosser Altbundeskanzler, deutlich positiver gestimmt war. Auch ich will das meine – und nicht nur aus der WikiPedia ab-schreiben.

Während den meisten heute eher der Elder Statesman Schmidt vor Augen ist, der Mitherausgeber meiner Lieblings-Wochenzeitung Die ZEIT, der “auf eine Zigarette” Kommentare über Gott und die Welt von sich gibt, will ich zurückschauen. Das erste Interview mit ihm das ich kenne, stammt aus meinem Geburtsjahr und enthält die Antwort auf die Frage, was denn an der Politik so fasziniert:

“Es ist gar nicht so leicht, darauf druckreif zu antworten. (…) Zum einen, für mich jedenfalls, steckt eine ungeheure Befriedigung in dem Bewusstsein, für das öffentliche Wohl tätig zu sein, das ist eine Passion die ja viele Menschen ergreift. Und zum anderen: Politik ist in gewisser Weise ein Kampfsport , das steht nicht im Vordergrund aber das ist es unter anderem auch, das macht mir auch Spass.”

Als alter Judoka und als schon seit klein auf politischer Mensch der heute in vielen Funktionen tätig ist, kann ich diese Aussage Schmidts voll unterschreiben. Wie er bin auch ich “nicht durch Tradition zur SPD gekommen”, sondern nach Wahlplakaten, dem früh gelesenen ersten Wahlprogramm und dem Friedensnobelpreis für Willy Brandt entscheidend waren die Gespräche mit dem späteren Finanzminister von Brandenburg, Klaus-Dieter Kühbacher, damals erst SPD-Aktivist in, dann MdL aus Braunschweig als Helmut Schmidt Kanzler wurde. Als Schmidt das erste Mal und gegen Helmut Kohl vom Volk gewählt wurde, glaubte ich noch an das “Modell Deutschland”, mit dem die SPD in den Wahlkampf zog. Beim Bundestagswahlkampf zog ich in die von der SPD gefüllte StadthalleBraunschweig (nachdem ich vor der Halle noch für die Abschaffung des §218 unterschrieben hatte), nahm für die Schülerzeitung meiner Schule einen der Presseplätze vorne rechts ein und ging in der Pause nach vorne. Kühbacher stellte mich dem Bundeskanzler (und dessen Nach-Nachfolger, dem späteren Bundeskanzler und damaligen Juso Gerhard Schröder) vor. Während Schröder wenig Interesse zeigte, nahm sich Helmut Schmidt die Zeit, sich mit mir in dieser Pause zu unterhalten und beendete das Gespräch mit meinem heute noch liebsten Schmidt-Zitat:

“Wolfgang, aus dir wird nochmal ein grosser Politiker.”

Helmut Schmidt zitierte in einem Interview, was der damalige Bundeskanzler Adenauer über den jungen Schmidt sagte: “der Schmidt, der ist sich noch am Entwickeln” und attestierte Adenauer: “der war kein schlechter Menschenkenner, glaube ich“. Nun, ich war und bin auch noch “am Entwickeln” und halte Helmut Schmidt auch für keinen schlechten Menschenkenner.

Mag also sein, dass er schliesslich Recht behält damit, so wie manche es ihm in anderen Punkten zugestehen, etwa bei der von mir bekämpften “Nachrüstung”, dem “NATO-Doppelbeschluss” für den damals übrigens auch die heute von mir geschätzte Gesine Schwan eintrat. Jedenfalls aber nicht in seiner SPD, denn die wurde mir entfremdet bevor ich alt genug war, einzutreten.

Unter der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt wurde massiv der Ausbau der Atomkraft vorangetrieben, was auf meine Skepsis und etwa in Whyl auf den Widerstand von Umweltschützern wie dem Tübinger Lehrer und gewaltlosen Aktivisten Hartmut Gründler stiess. Der “Bürgerdialog Kernenergie” war eine Farce und als Hartmut Gründler sich aus Protest gegen die Dialogverweigerung von Helmut Schmidt vor dem Parteitag in Hamburg selbst verbrannte, hat mich das sehr beeindruckt und so wie die Kämpfe um Brokdorf zu tieferer Beschäftigung mit dem Thema geführt. Das Ergebnis war, dass ich die AKW-Politik der SPD von Helmut Schmidt schon aus sachlichen Erwägungen in keiner Weise mehr teilen konnte. Die “Grüne Liste Umweltschutz” GLU trat zuerst in Niedersachsen an, als Lehrerpartei. Mein Mentor war zu der Zeit ein grüner SPD’ler, der zum Flügel um Erhard Eppler gehörte. Eppler, damals Landesvorsitzender der SPD in Baden-Württemberg, erst Entwicklungshilfeminister in der Regierung Schmidt, war nach massiven Kürzungen seines Budgets unter Helmut Schmidt zurück getreten.

Petra Kelly, die für die Europäische Komission in Brüssel tätig war, erklärte in einem offenen Brief an Helmut Schmidt ihren Austritt aus der SPD und kündigte eine neue politische Vertretung an, womit die bald gegründeten Grünen gemeint waren. Bei der Gründungsversammlung der Grünen in Braunschweig war sie dabei und nach einem kurzen Gespräch mit ihr war auch ich das, wurde Gründungsmitglied, gerade alt genug dazu geworden. Spätestens von diesem Moment an stand ich nicht mehr auf der Seite Schmidts, sondern auf der Gegenseite – nicht nur bei der Atomkraft sondern auch beim Thema “Innere Sicherheit” und Überwachung, wo der “Stern” damals vom regierungsamtlichen “Sicherheit, Ordnung, Staatsgewalt” mit S.O.S. abkürzend den drohenden Verlust der Freiheit zuspitzte. Auch beim Thema Nachrüstung, dem NATO-Doppelbeschluss – unter George W. Bushs großem Vorbild Ronald Reagan schien nicht erst nach der “Mikrophonprobe” die größere Bedrohung des Friedens von den USA und dem einen auf Europa begrenzbaren Atomkrieg planenden Pentagon auszugehen. Pershings, Cruise Missile und andere Atomwaffen schienen mir damals und scheinen mir noch heute dem Frieden nicht zu helfen.

Ich war bei Blockaden an Atomwaffenlagern, in Holland und Deutschland, ich war bei den Demonstrationen und Aktionen gegen den Doppelbeschluss als der kalte Machtwechsel von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl stattfand, im Oktober mit Hunderttausend in Bonn und im November mit Hunderten an der Bannmeile. Auf der anderen Seite habe ich immer Dialoge geführt, etwa mit kirchlichen Kreisen als die Reformierte Kirche der Niederlande es zu einer Bekenntnisfrage erklärte, die Atomwaffen abzulehnen und westdeutsche Vertreter der Bekennenden Kirche (wie mein Freund der SPD-Mann Werner Koch) diskutierten ob wir es ihnen gleichtun sollten. Helmut Schmidt (2001)Was Bundeskanzler Helmut Schmidt dazu dachte hörte ich in dieser Zeit von Karsten D. Voigt, der zum engeren Kreis in der SPD-Fraktion gehörte, heute Koordinator der Bundesregierung für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit ist und meiner festen Überzeugung nach zu jeder Zeit einen guten deutschen Aussenminister abgegeben hätte. Was ein Helmut Schmidt sagt und denkt habe ich also nicht nur der Presse entnommen.

Als aktiver Leser der ZEIT komme ich mit dem was Helmut Schmidt sagt und schreibt auch heute noch regelmässig in Kontakt und so ist mein Respekt vor der Lebensleistung dieses Mannes – bei allen Unterschieden in den politischen Sachfragen die mir am Herzen lagen – über die Zeit nicht geringer geworden, sondern nur gewachsen. Der Elder Statesman als der er auch im Podcast des SWR zu seinem 90.Geburtstag bezeichnet wird, hat sich verdient gemacht mit seinen Kommentaren, mit Kritik aus der Distanz und auch manch deutlichem Wort – so stammt etwas das Wort vom “Raubtierkapitalismus“, das ich in der bundesweiten EU-AG von Attac heute öfters höre als bei der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft, von Helmut Schmidt:

Ich bin ganz stolz darauf, das war ein richtiges Wort.” (Helmut Schmidt bei der Vorstellung seines Buches “Ausser Dienst” im Jahr 2008)

Das Bild rechts zeigt diesen Helmut Schmidt zwischen dem grünen Datei:Palmerschmidtkueng.jpgOberbürgermeister Boris Palmer und Hans Küng anläßlich seiner “Weltethos-Rede”, die auch als Hörbuch auf CD erschienen ist und in der er ‘”Zum Ethos des Politikers” spricht und sich mit der Instrumentalisierung der Religion für politische Zwecke beschäftigt. Der “Vorwärts” schreibt in seiner Zusammenfassung “Helmut Schmidt fürs Ohr” dazu:

“Schmidt beabsichtigte mit seinem Vortrag nicht in Konkurrenz mit den großen Philosophen zu treten und er stellt daher – so Schmidt wörtlich – keinen „Versuch eines Kompendiums oder Kodexes“ zur politischen Ethik dar. Er beschränkt sich auf das „Verhältnis von Politik und Religion“, die „Rolle der Vernunft und des Gewissens in der Politik“ sowie die „Notwendigkeit des Kompromisses“. Dazu zieht er eigene Einsichten heran, die er selbst in drei Jahrzehnten als Politiker gewonnen hat, und geht kritisch auf das Weltgeschehen ein. Eine wunderbar schlüssige und überzeugende Rede, die man am liebsten vor Ort erlebt hätte.

Vor Ort geht nicht mehr – aber zuhause am Computer geht: Wer meinen Respekt für den Jubilar dieses Tages verstehen will, höre und sehe sich diese Weltethos-Rede zum Ethos des Politikers an – sie ist in verschiedenen Formaten und Auflösungen hier zu haben.

Update: Glückwünsche anderer Menschen finden sich unter anderem im Gratulationsblog der ZEIT.

Ihnen, geehrter Helmut Schmidt, wünsche ich einen weiterhin so klaren Verstand und uns noch viele Jahre Ihre Worte und Gedanken.

Erstellt am Dienstag, 23. Dezember 2008
Kategorie: Deutsch | 5 Kommentare »