Archiv für Oktober, 2008

Arabisch-Amerikanischer Dialog: Wie ist das mit der Armut?

Make Poverty History! by rogiro

Mit dem heutigen Abend begann das fünfte Jahr des Amerikanisch-Arabischen Dialogs, der im Deutsch-Amerikanischen Institut (d.a.i.) in Tübingen stattfindet, einem der Überbleibsel aus der Zeit einst zahlreicher Amerika-Häuser in Westdeutschland. Gut besucht, diesmal mit deutlich mehr AraberInnen als AmerikanerInnen – aus Palästina und Jordanien, aus Iran oder Algerien, mit Vätern aus Syrien oder dem Volk der Berber. Wie immer auch mit einigen Deutschen, diesmal zum Thema Armut mehrere regelmässige TeilnehmerInnen der Tübinger Montagsdemonstrationen, neu eine Gruppe junger Biologinnen (an dieser Stelle einen Gruss an die GJ-bewegte Biologie-Fachschaft in Würzburg) und wie immer mit seiner erfrischenden Aussensicht auf all diese Weltgegenden Bruce aus Australien.

Thema diesmal., anlässlich der Aktionswoche Armut, die Armut in den beiden Weltregionen, ihre Hintergründe und mögliche Maßnahmen. Zwei Impulsreferate stellten kontrastierend die Situation der Armut in Palästina, vor allem dem Gaza-Streifen, und in den USA, vor allem in den Südstaaten vor. Wer glaubt, das Territorium des historischen Palästina sei in zwei Hälften geteilt kann in Mathematik nicht aufgepasst haben: Von 28.000 qm2 sind 22.000 beim Staat Israel und nur 6.020 beim werdenden palästinensischen Staat, davon der allergrösste Teil in der Westbank – nur etwa als 360 qm2 machen den Gaza-Streifen aus, und in diesem Gebiet, weit kleiner als das des Landkreises Tübingen, leben 1,5 Millionen Menschen. Die Armut dort ist von aussen gemacht durch die israelischen Blockaden, die nicht nur die 60-80Tausend PalästinenserInnen und ihre Familien, die zuvor von Arbeit in Israel gelebt haben, von ihrer Einkommensquelle abschneidet, sondern auch Energie- und Rohstoffzufuhr unterbricht und Hilfslieferungen von aussen deutlich erschwert. Zu etwa 60% der zur medizinischen Grundversorgung in Palästina gehörenden Medikamente etwa besteht durch die Blockadepolitik Israels im Gazastreifen kein Zugang. Auch internationale Unterstützung ist ausgeblieben seit die demokratisch gewählte Hamas 2006 an die Macht gewählt wurde, die von US-nahen Staaten als terroristisch eingestuft und nicht anerkannt wird. Die Taktik, durch Aushungern von aussen eine Stimmung gegen die gewählte Regierung zu erzeugen funktiniert hier nicht: Es ist Hamas mehr als zuvor und andernorts die Fatah, die karitativ tätig ist und ein soziales Netz zur Verfügung stellt, das den Armen etwas hilft.

American Poverty by Monroe's Dragonfly

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Erstellt am Freitag, 24. Oktober 2008
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Bildungsgipfel enttäuscht

“Das Geschäftsmodell eines Saunabetreibers ist nicht heisse Luft” habe ich letzthin gelesen. Anders, so scheint es, ist es mit den Gipfeln der Bundeskanzlerin und ihren Reden von der “Bildungsrepublik Deutschland”. Bildung ist eine zentrale Aufgabe. Aber… Einer der passendsten Kommentare dazu erschien in der nicht gerade als linksliberal geltenden “Südwest-Presse”:

“Die Kanzlerin sagt es nicht selbst. Sie lässt es sagen: Viel entscheidender als alles Geld für die Bildung seien gute Lehrer. Diese Weisheit streut Kanzleramtschef Thomas de Maizière derzeit unters Volk, das staunend zur Kenntnis nimmt, mit welchen Summen die Politik in Berlin seit neuestem zu jonglieren weiß. Man ahnt, worauf die Öffentlichkeit, worauf Schulen, Wirtschaft und Eltern eingestimmt werden sollen. Die Erwartungen, die Angela Merkel mit der Ankündigung geweckt hat, Bildung zur Chefsache zu machen, dürften sich (…) kaum erfüllen. Die gerne zitierte nationale Kraftanstrengung droht zu scheitern, weil zum einen Bund und Länder wie ungezogene Schüler auf dem Pausenhof herumrangeln.(…) (Quelle)

Litfaßsäulen mit dem Thesen zum BildungsgipfelEinen eigenen Bildungsgipfel hat der DGB vor ein paar Tagen unter dem Titel “Neue Bildung für das Land” abgehalten, um die Forderungen abzustecken die nach Überzeugung der Gewerkschaften für mehr Bildungsgerechtigkeit notwendig sind. Nicht nur mehr Geld (aber auch), sondern ein Grundrecht auf gute Bildung. Die ausführliche Dokumentation des DGB-Kongresses bietet sinnvolle Nachlese dazu. Als staatliche Daseinsvorsorge müsste bei Bildung Privatisierung verhindern, die Gebühren müssten abgeschafft werden. Wesentlich, so die vierte der zehn Thesen, ist die Frühförderung: Die KITAs müssen verbessert werden. Als Vorsitzender des Landeselternrats Baden-Württemberg (LER) und zweiter Vorsitzender des KITA-Bündnisses für Bildung und Erziehung kann ich da nur ausdrücklich zustimmen. Dazu gehört auch und vor allem die Verbesserung der Personalsituation – und damit auch der Situation für das Personal, für die Erzieherinnen. Und nach der KITA geht es an der Schule weiter.

Wer selbst schon länger nicht mehr in mehr als einer Schule war kann sich im Wortsinne ein eigenes Bild machen und dieses Video bei Spiegel.de über Förderbedarf im Volksschulbereich mit einer “NDH” Schule anschauen. Aus dem “Musterländle Baden-Württemberg” nochmal der Kommentar der Südwest-Presse:

Vieles ließe sich halbwegs ertragen, wäre unser Bildungssystem im internationalen Vergleich nicht nur müdes Mittelmaß und investierten andere Staaten nicht kräftig in ihre Kindergärten, Schulen und Hochschulen. Die hiesige Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners ist so skandalös, weil die Mängel seit Jahren sichtbar sind. Alle leiden darunter – Schüler, Lehrer, Eltern, Wirtschaft und Gesellschaft. Steigen wir in die Niederungen des Alltags hinab: verdreckte Klassenzimmer, die seit Jahren auf einen frischen Anstrich warten; stinkende Schultoiletten, die zuletzt in den 70er Jahren renoviert worden sind; (…)

Im übrigen: Wie lange sollen Bildungschancen noch davon abhängen, in welchem Bundesland ein Kind aufwächst? Nach der Schule ist der K(r)ampf noch nicht zu Ende. Obwohl in fünf Jahren, so Experten, 500 000 Akademiker fehlen werden, legt man die Hürden möglichst hoch. Um die viel zu knappen Studienplätze gibt es ein Hauen und Stechen. Gleichzeitig leistet man sich Studiengebühren, die Tausende abschrecken. (…) Gute Lehrer braucht das Land, wohl wahr. Kaum zu glauben, dass man sich um diesen Job nicht reißt. (Quelle)

[ Mehr zum Thema Bildung hier auf http://gruene.wettach.org ]

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Erstellt am Donnerstag, 23. Oktober 2008
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Buchmesse-Nachlese 2: Türkei

Türkei Wohin?: Gespräche mit Feridun Zaimoglu, Fatih Akin, Hrant Dink, Ahmed Altan u.aDie Türkei war dieses Jahr das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Kein Wunder also, dass das Thema Türkei auch ein inhaltlicher Schwerpunkt dieser Buchmesse war, neben dem Thema Digitalisierung und eBooks und dem Dauerbrenner-Thema Bildung.

Ein begehrter Gesprächspartner war dabei der designierte Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, der mir bei der Gelegenheit sein neues bei Beltz&Gelberg erschienenes Buch “Die Türkei – Politik, Religion, Kultur” signierte. Auf dem “Blauen Sofa” der 2DF-Sendung ‘aspekte’ erklärte er kurz das türkische Bildungssystem: “Wer das türkische Bildungssystem durchlaufen hat und nicht schizophren wurde, der hat nicht richtig aufgepasst.” Zu gross, so Özdemir, seien die ständigen Bedrohungen denen die Türkei von allen Seiten und zu allen Zeiten dem Unterricht zufolge ausgesetzt sei, zu gross der Druck der mit dieser Angst gemacht werde. Die Türkei: Politik, Religion, Kultur

Dabei war ich zum Beispiel bei einer Diskussion der SPD-eigenen Monats-Zeitung Vorwärts (die ich einst als es noch eine Wochenzeitung war wegen der Abo-Prämie – Rededuelle Wehner-Strauss – eine Zeit lang abonniert hatte). Ihr aktueller Aufmacher: Frank-Walter Steinmeier setzt als SPD-Kanzlerkandidat auf den Sieg und erklärt wie er ihn erringen will. Ihr aktuelles Thema der Diskussion aber war: “Türkei – Wohin?” und dementsprechend war auch die Diskussion mit dem Herausgeber des gleichnamigen Buches, Halil Gülbeyaz, der Beiträge von Fatih Akin, Feridun Zaimoglu und vielen anderen versammelte, sowie mit Cem Özdemir, dessen Buch die Türkei auch jugendlichen deutscher und deutschtürkischer Herkunft nahebringen möchte. Letzteres gelingt nach Meinung einzelner KritikerInnen so gut, dass etwa seine Interviewerin auf dem “Blauen Sofa” von aspekte meinte, wenn er je mit der Politik nicht mehr weiter komme, solle er weiter schreiben: das jedenfalls könne er unübertrefflich.

Hauptthema in vielen Gesprächen, wie auch in diesem, war die EU-Mitgliedschaft, die man der Türkei einst versprochen hatte und vor der manche heute noch Angst haben. Cem Özdemir meinte dazu, die Türkei mit ihrem stolzen Nationalismus müsse von Frankreich lernen, das mit seinem Nationalismus heute unverkrampfter umgehen kann. Als Beispiel nannte er den Sprachrigorismus, der noch in den 80er Jahren in Frankreich herrschte, wo die Meinung vertreten wurde wenn man etwas nicht auf Französisch sagen könne, solle man es gar nicht sagen. Der Interviewer fragte: Andere Länder brauchen im Schnitt 3 Jahre von der Aufnahme der Verhandlungen bis zum Beitritt, die Türkei aber 50 Jahre. Geht es dabei nur um die Religion? Cem Özdemir antwortete erneut mit dem Nationalstolz auch der laizistischen Militärs. Heute, so Cem, wenn aus Brüssel etwas kritisiert oder kommentiert wird, beklagen die Natuionalisten, sich wehrend, eine “Einmischung in die Inneren Angelegenheiten der Türkei”. Aber: “Wenn sie in die EU wollen, müssen sie noch Tausend Mal damit leben, dass es immer wieder solche Einmischungen geben wird”, wann immer sie von den gemeinsam vereinbarten Regeln nämlich abweichen.

Cem Özdemir und Halil Gülbeyaz, Bild: (CC) Wettach. Image Hosted by ImageShack.us

Wie schätzt Cem Özdemir die Wahrscheinlichkeit der Vollmitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union ein? “Langfristig gesehen bin ich optimistisch, kurzfristig sehr pessimistisch”. Da die Verhandlungen über den Beitritt immer auf das Versprechen einer vollen Mitgliedschaft gerichtet waren, das also fest zugesagtes Ergebnis bei Einhaltung der Verpflichtungungen und Voraussetzungen der türkischen Seite ist, sei der Weg zu einer echten Aufnahme “alternativlos” weil es “ein Modell mit Signalwirkung ist, das nicht scheitern darf.”

Der Kopftuch-Streit, auf den auch Cem Özdemirs Buch eingeht? Cem lehnt das als Verkürzung auf ein optisches Signal ab: Wichtig sei die Autonomie der Frau, nicht die Kopftracht wenn sie diese selbst wählen kann. Was in den Köpfen sei, auch der Männer über deren Aussehen nicht geredet werde, ist wichtiger als was sich darauf befindet, oder auch nicht, zumal es nicht allein als religiöses Symbol gedeutet werden dürfe.

Halil Gülbeyaz war skeptischer: Er sei heute nicht für einen EU-Beitritt der Türkei. “Das Volk muss das Land demokratisieren, das kann nicht die EU übernehmen” und das könne auch nicht einfach für Brüssel von oben diktiert werden. Es sei aber, gestand er ein, die Aufgabe der EU im Rahmen der Beitrittsbemühungen der Türkei auf diesem Weg zu helfen.

Kann denn, so der Interviewer, die Türkei tatsächlich eines Tages Vollmitglied der Europäischen Union sein? Cem Özdemir antwortete mit kämpferischen Gegenfragen: Kann denn Italien, wo die Medien unter der Kontrolle eines einzigen Mannes sind der nicht nur die öffentliche Meinung damit manipuliert sondern auch Schattengeschäfte macht und nachträglich absichert, in der EU bleiben? Kann denn Österreich, wo es offensichtlich ein Drittel der Bevölkerung nicht nur im Stillen denkt sondern auch an der Wahlurne rechtsextremen nationalistischen Parteien die Stimmen gibt, in der EU bleiben? Kann es Bulgarien mit seiner Praxis von Recht und Gesetz und der Gefahr der Ausschaltung kritischer Geister? Auch die heutige EU wird ihren Ansprüchen nicht gerecht und misst sich selbst nicht mit dem Maß, das in westlichen Medien an die Türkei angelegt wird. Weiterlesen »

Erstellt am Dienstag, 21. Oktober 2008
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Buchmesse-Nachlese 1: Petropolis

Petropolis: Die große Reise der Mailorder-Braut Sascha GoldbergPetropolis von Anya Ulinich (übersetzt von Pieke Biermann, gelesen von Jasmin Tabatabai für NichtselbstleserInnen) erinnert nicht nur im Titel an Persepolis von Marjane Satrapi, das die Autorin uns mit dem gleichnamigen Film bei der “Green Summer University” in Frankfurt/Oder und Slubice/Polen vorgestellt hatte. In beiden Fällen geht es um die Migrationsgeschichte einer der Erzählerin nahestehenden Figur aus dem Osten in den Westen, humorvoll erzählt bei aller Absurdität der zum Teil doch furchtbaren Situationen, in beiden Fällen zeichnet sich die Hauptperson durch einen Mangel an tänzerischer Anmut oder Geschicklichkeit aus, was Anya Ulinich in “Petropolis” als “die Anmut eines Elefantenbabys” beschreibt. Dennoch ist Petropolis keine Neuauflage und schon gar kein Abklatsch. Die Herkunftsländer Sibirien und Iran sind nicht vergleichbar, die Zielländer Frankreich und USA in den Augen der Erzählerinnen schon gar nicht.

Die Hauptfigur hier ist Sascha Goldberg, eine jüdische junge Frau in Sibirien die ausserdem noch afrikanische Vorfahren hat und darum für den ortsüblichen Geschmack auch noch zu dunkelhäutig ist. Als “Mailorder-Braut” aus dem Katalog geht sie nach Phoenix, Arizona in eine untragbare Ehe und von dort zu einer Familie in Chicago, die jüdische Flüchtlinge als Sammlerstücke zu sich nimmt- und von dort weiter in etwas was ein Anfang von Glück sein könnte. Auf der Buchmesse:
Petropolis: Anya Ulinich, Tabatabai, Biermann. Bild: (CC) Wettach. Image Hosted by ImageShack.us Weiterlesen »

Erstellt am Sonntag, 19. Oktober 2008
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Canada-Wahlen: Grüne landen 5x auf zweitem, 40x auf drittem Platz

Green with Anger by photo.envy.

Looking Forward: Short PlatformDownload

Vision Green: Long Platform

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In Kanada waren gerade Wahlen, vorgezogene Neuwahlen, und es war fraglich ob die Grünen von Canada, die “Green Party”, es an ein oder zwei Stellen schaffen, ein Direktmandat zu erreichen – da es in diesem “Winner takes all”-System keine anderen Mandate gibt.

Als ich letzthin mit mehreren VertreterInnen der Kanadischen Wirtschaftsförderung bzw des Kanadischen Konsulats sprach, äusserten diese ihr gespanntes Interesse am Ergebnis der Grünen und hielten einen ersten Durchbruch bei dieser Wahl für möglich. Zwei Unabhängige KandidatInnen haben es ja tatsächlich geschafft, die anderen verteilen sich auf die übrigen Parteien, mit dem nur regional antretenden Block von Quebec vier grosse Parlamentsparteien.

Wie im Titel schon gesagt war es an mehreren Stellen knapp: Fünfmal landeten die Grünen, mit bis zu 32,2% der Stimmen, auf dem zweiten Platz, 40 mal immerhin auf dem Dritten, was für eine kleine Partei schon beachtlich ist. 41 KandidatInnen, die über der ‘magischen 10% Grenze’ gelandet sind, erhalten vom Staat Wahlkampfkostenerstattung in Höhe von 60% ihrer Ausgaben.

[Die Ergebnisse im Detail]


 

Erstellt am Freitag, 17. Oktober 2008
Kategorie: Deutsch, Kurzmeldung | Kommentieren »