Archiv für die Kategorie 'Gastbeiträge'

GRÜNE: Innovations- und Visionspartei statt inhaltsleerer “Freiheit”

Die Debatte um Grüne Freiheit und Zukunft geht weiter: Gastbeitrag von Paula Piechotta und Valentin Lippmann:

In der ab Herbst 2013 gestarteten Debatte zum Freiheitsbegriff, die aktuell aus Mangel an inhaltlichen Alternativen künstlich am Leben gehaltenen wird, wurde sehr schnell deutlich, wie wenig tragfähig und parteiintern kaum schwingungsfähig dieser Begriff war. Auf jede erdenkliche Forderung im grünen Wahlprogramm 2013 wurde im Nachhinein das Etikett “Freiheit” geklebt und das allein schon als inhaltliche Leistung gewertet. Eine notwendige alternative “neue Erzählung” grüner Politik blieb hingegen aus. Wir glauben aber, dass diese grüne Partei nur überlebensfähig ist, wenn sie ununterbrochen neue Themen aufspürt und in die Breiten des gesellschaftlichen Bewusstseins trägt. Der Label-Versuch Freiheit ist dabei so hilfreich wie ein Kropf. Es lässt nach Jahrzehnten der Vereinnahmung durch die FDP die bekannte, überbordende Menge an negativen Assoziationen mitschwingen und transportiert vor allem die Idee des Egoismus des Einzelnen. Eine neue, positivere Bewertung des Begriffes als Grüne anzustreben ist ein utopisches Unterfangen.
Wir als Grüne waren hingegen immer die Partei die weiter dachte als andere, die über das Morgen hinaus Antworten entwickelte auf Entwicklungen und Probleme, die andere Parteien noch nicht einmal erkannt hatten. Wir waren und sind stolz darauf, dass viele der Dinge, die wir zuerst gefordert hatten, später von der Mehrheit der politischen Akteur_innen übernommen wurden. Wir waren die Partei der politischen Innovation. Wir sind es spätestens seit 2005 nicht mehr, aber wir müssen es wieder werden. Die drängendsten Fragen, die wir neu beantworten müssen, sind eine neue Außenpolitik von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, das Erarbeiten einer zukunftsbefähigenden Forschungspolitik und unseren Vorstellungen von neuen Lebensarbeitszeitsmodellen; die Debatte über das Staatsverständnis der GRÜNEN genauso wie eine deutlich ernstere Diskussion über die Weiterentwicklung demokratischer Beteiligung in unserer Gesellschaft.
Wir stellen außerdem fest:
  1. Fast ein Jahr nach der Bundestagswahl 2013 bleibt es weiterhin unklar, wie sich BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in geeigneter Weise neu aufstellen kann. Eine Sinn stiftende und erfolgreiche Linie von Berliner Oppositionsarbeit und Grünen in den Bundesländern ist aktuell nicht erkennbar.
  2. Die Fokussierung, aber nicht Verengung, auf die Kernthemen von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ist ein richtiger Schritt. Die primäre Aufgabe und der politische Kern des grünen Selbstverständnisses ist die Übersetzung von wissenschaftlich und gesellschaftlich als notwendig betrachtetem Naturschutz in umweltschützende Gesetzgebung. Bei der Frage, inwiefern diesem Politikfeld gegebenenfalls in der Kommunikation andere politische Ziele untergeordnet werden müssen, muss uns unsere Verantwortung als einzige parlamentarische Umweltpartei für die Themenfelder Klima und Naturschutz bewusst sein.
  3. Im Nachgang der Bundestagswahl im Herbst 2013 wurde das “rot-grüne Projekt” als beerdigt erklärt. Dies geschah ungeachtet der Tatsache, dass noch ein halbes Jahr zuvor Mehrheiten für Rot-Grün prognostiziert wurden und die Grünen in vielen Bundesländern aktuell mit der SPD koalieren. Mit dem Aufgeben dieser Option schwächte man sich jedoch zusätzlich, da beide Alternativen, sowohl Schwarz-Grün als auch R2G, naturgemäß noch weniger Raum für die Durchsetzung grüner Ziele bieten und als Bündnisse unter weitaus größerer politischer Spannung stehen. In der Diskussion über mögliche Koalitionsoptionen muss Rot-Grün endlich wieder gleichberechtigt gegenüber Schwarz-Grün und R2G  betrachtet und diskutiert werden, v.a. da es 2013 entgegen der Erwartungen zu einer Reduzierung der im Bundestag vertretenen Parteien kam.
  4. Die Neubesetzung der Fraktions- und Parteispitzen im Herbst 2013 hat drastisch vor Augen geführt, wie dünn charismatische und gleichzeitig ausreichend qualifizierte Führungsfiguren in dieser Partei gesät sind. In einer politischen Landschaft, in der von Wahl zu Wahl eine stärkere Personenfokussierung zu verzeichnen ist, muss das als grob fahrlässig gewertet werden und erfüllt die Erwartungen unserer Wähler_innen nicht. Diesen Wähler_innen aber sind wir eine Ausfüllung unserer Oppositionsrolle schuldig. Keine Regierungspartei darf geschont werden unter der theoretischen Annahme, dies begünstige eine Ausweitung der Koalitionsoptionen 2017. Harte Oppositionspolitik verhindert keine Koalitionen nach der Wahl, wie das Beispiel Hessen einmal mehr gezeigt hat.
  5. Wir brauchen eine andere Kultur der Nachwuchsförderung in unserer Partei. Der punktuell zu verzeichnende “Jugendwahn” muss weiterentwickelt werden hin zu nachhaltigen Strukturen, die die grüne Partei auch personell für Wählerinnen und Wähler attraktiv machen. Gleichzeitig müssen sich die Grünen die Frage stellen, warum viele bekannte Politiker_innen auf Landesebene sich nicht in die vorderen Reihen der Bundespolitik begeben wollen. Dazu möchten wir die Kommunikations- und Weiterbildungskonzepte innerhalb der Partei überdenken, die Beteiligungsmöglichkeiten auch für Mitglieder mit wenig verfügbarer Zeit ausweiten und die demokratischen Elemente in parteiinternen Entscheidungsprozessen wieder stärken.
  6. Freiheit ist für uns ein gesellschaftlicher Wert, aber kein Werbemittel: Die strategische und inhaltliche Schockstarre nach der Bundestagswahl 2013 und das verkrampfte Festhalten an schalen, schwachen Framing-Versuchen wie “Freiheit” führt schmerzhaft vor Augen, wie wenig belastbar und innovativ heute die Strukturen der thematischen Arbeit und inhaltlichen Erneuerung der Partei sind. Dies liegt nicht ausschließlich, aber zu großen Teilen auch in den dysfunktionalen Bundesarbeitsarbeitsgemeinschaften begründet, die weit hinter den Ansprüchen zurückbleiben, die an sie gestellt werden.

Gangbare Wege aus der durch diese Punkte bedingten Krise sind aktuell nur schemenhaft erkennbar. Deutlich unterkomplexe Deutungen des Bundestagswahl-Ergebnisses verfestigten sich nach dem Herbst 2013 sehr schnell innerhalb der Flügel und Subflügel, es blieb nur wenig Raum für fundierte und differenzierte Debatten. Das inhaltliche und personelle Vakuum wurde genutzt für politische Alleingänge von Solitären, die mit unzusammenhängenden Einzelforderungen statt stimmigen Gesamtkonzepten das öffentliche Erscheinungsbild der ohnehin zerrütteten Partei weiter zerfaserten. Wir wollen jetzt dem entgegenwirken und dem flügelübergreifenden Diskurs in unserer Partei einem Raum geben, um die inhaltliche und strategische Ausrichtung von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN voran zu bringen: Damit Grün endlich wieder schneller und weiter denkt als alle anderen und eine grüne Erzählung für Jahrzehnte fortgeschrieben werden kann. Die aktuell vom Bundesvorstand vorgeschlagene Programmdebatte kann dies in unseren Augen aber nicht leisten: Wer von Anfang an Diskussionsbeiträge nur zu vier ausgewählten Themenfeldern zulassen will – nämlich Wirtschaft, Ernährung, Zeitpolitik und “Freiheit” – ist nicht nur bevormundend, sondern schränkt unnötig ein und erstickt damit das so dringend benötigte Innovationspotential.

Erstellt am Montag, 25. August 2014
Kategorie: Gastbeitrag, Gastbeiträge, Partei | Kommentieren »

Wie begründen wir Europa neu?

Plenumsdiskussion „Wie begründen wir Europa neu?” Die Referentin: Daniela Schwarzer von der Stiftung Wissenschaft und Politik, SWP, beim #BAGkonvent #GRÜNE am 07.12.2013 // VID 00060 20131207 1116

Erstellt am Sonntag, 8. Dezember 2013
Kategorie: Europa, Gastbeiträge, Video | 4 Kommentare »

Schengen-Aktion zur Landesversammlung der Europa-Union

Schengen-Gebiet in blau, künftiger Bereich in Grün, Quelle:WikiPedia

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Juni dieses Jahres hat der Rat der Innenminister der EU sich dafür ausgesprochen, für eine Einschränkung des Schengen-Abkommens einzutreten und Grenzkontrollen für einen gewissen Zeitraum wieder möglich zu machen. Auch wenn dies bereits schlimm genug ist – die Begründung riecht regelrecht nach Skandal!

So wurde als ein möglicher Grund die Abwehr von Flüchtlingen aus Staaten mit einer EU-Außengrenze genannt. Nicht nur tritt dies europäische Werte gleich doppelt mit Füßen – es unterhöhlt auch die höchstrichterliche Rechtsprechung des EuGH vom Dezember 2011, wonach das Dublin-II-Abkommen zur Abschiebung von Flüchtlingen nach der Erst-Land-Regel wegen der katastrophalen Zustände in den betroffenen EU-Staaten faktisch auszusetzen ist. Nähere Details finden Sie in dem Antrag der Jungen Europäer, der Ihnen bereits zugeschickt wurde.

Wir möchten unsere Position gegen diese Pläne und für ein Europa ohne Grenzen im Anschluss an die Landesversammlung am Sonntag, den

22.07.2012 um 14:45 Uhr bei einer Kundgebung auf dem Marktplatz Offenburg

kundtun. Gemeinsamer Treffpunkt ist 14:15 vor dem Tagungshotel Mercure. Von dort aus werden wir gemeinsam zum Kundgebungsort gehen. Die Kundgebung wird voraussichtlich gegen 15:30 Uhr auf dem Marktplatz beendet sein.

Wir würden uns freuen, wenn Sie sich entschließen würden, sich dieser Kundgebung für ein Europa ohne Grenzen und ein Europa der Menschenrechte und Werte anzuschließen. Die Europa-Union könnte gemeinsam mit den Jungen Europäern auf diesem Wege ein kraftvolles Signal an die Öffentlichkeit senden. Wir würden uns auch freuen, wenn Sie mit Europaflaggen, Bannern oder Transparenten unsere Kundgebung noch eindrucksvoller gestalten würden.

Wir freuen uns auf spannende Debatten auf unserer gemeinsamen Landesversammlung und eine eindrucksvolle Kundgebung am Sonntag!

Mit europäischen Grüßen
Europa Union Baden-Württemberg
Junge Europäer Baden-Württemberg

Erstellt am Montag, 16. Juli 2012
Kategorie: Aktionen, Europa, Europa-Union, Gastbeiträge, Termine | Kommentieren »

Was passiert gerade in Fukushima?

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Bild: CC von http://www.flickr.com/photos/hinkelstone/

Ein Bericht aus dem betroffenen Gebiet in Nord-Japan wurde von Dr. Shin Yoshida (Universität Heidelberg) heute in der Albert-Schweitzer Kirche in Tübingen gehalten. Zuletzt in diesem Mai war er dort gewesen und berichtete aus erster Hand. Eingeladen war er von der Kirche und der “Fukushima-Mahnwache” Tübingen, die seit Fukushima die sofortige Abschaltung aller Atomkraftwerke fordert (und zu deren Unterstützern auch der Stadtverband Tübingen der Grünen und die Alternative Liste (AL) gehören.

Er gehört zu den Unterstützern eines Heims für behinderte Kinder im 50km Radius, die zumeist von ihren Familien abgeschoben wurden, und beteiligt sich auch selbst an der Dekontaminierungsarbeit in Fukushima – Ishinomaki in Miyagi.

Seit der Katastrophe ist ein Jahr vergangen. Für viele Menschen ist diese Katastrophe schon Vergangenheit. Dennoch haben die direkt Betroffenen nach wie vor viele Schwierigkeiten und Probleme und leiden unter dem Verlust nahestehender Menschen. Die Katastrophe will kein Ende finden. Vor allem können wir immer noch nicht genau sagen, in wie weit Fukushima radioaktiv verseucht ist. Was passiert gerade in Fukushima? Herr Dr. Shin Yoshida, der als Vermittler zwischen dem Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland (EMS) und der United Church of Christ in Japan (UCCJ) arbeitet, war an Dekontaminierungsarbeiten in Fukushima beteiligt und im betroffenen Gebiet in Nord Japan ehrenamtlich tätig. Er berichtet von der dortigen aktuellen Situation.

Zum einen ist die Dekontaminierung eine Sysiphusarbeit, weil immer wieder wenn verseuchter Boden abgetragen wurde der Wind wieder neue Belastung heranträgt. Zum anderen weiss nachher keiner, wohin mit dem deutlich stärker strahlenden Abraum.

Gesunde Ernährung ist ein Problem: Wegen der radioaktiven Belastung lässt sich in der Region erzeugtes Obst und Gemüse nicht in Tokyo verkaufen. Im Umkehrschluss führt das dazu, dass das einzige was bleibt ist, dass es in der Region selbst verzehrt wird – im Supermarkt in Fukushima etwa gibt es praktisch nur noch Nahrung aus der Region, was zur weiteren Kontaminierung der BEvölkerung beiträgt.

Artikel 25 der japanischen Verfassung garantiert ein Mindestmaß an gesundem Leben und Kultur, was durch die Kontaminierung um Fukushima durchaus in Frage gestellt ist.
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Erstellt am Donnerstag, 5. Juli 2012
Kategorie: Atomkraft, Gastbeiträge, Internationales | Kommentieren »

Nicht nur Trolle: Christoph Hardebusch in der Debatte zum Urheberrecht

Urheberrecht pt.1

Wer sich derzeit zum Thema Urheberrecht äußert, muss schon ziemlich einen an der Waffel haben. Die Atmosphäre ist vergiftet, und es wird so viel Bullshit – von beiden Extrempositionen wohlgemerkt! – abgesondert, dass man eigentlich eine Hazmat Suit braucht, um sich einen Weg durch die Schützengräben der Meinungsvielfalt zu bahnen. Ach ja, feuerfest sollte der Schutzanzug auch gleich sein, weil man auf jeden Fall geflamt wird, egal was man sagt, und wahlweise ein überholte Privilegien reitender Dinosaurier oder ein langfingriger Internet-Nerd ist; vertritt man nicht eine Extremposition, sondern irgendwas dazwischen, also mehr rational als emotional, kann man sogar beides gleichzeitig sein! Weiterlesen »

Erstellt am Sonntag, 15. April 2012
Kategorie: Gastbeitrag, Gastbeiträge, GrünKultur, Netzpolitik | 2 Kommentare »